Georg-Büchner-Preis für Christine Wunnicke: „Frauen werden deshalb so gut, weil man es ihnen so schwer macht“

Es ist eine geradezu folgerichtige Entscheidung, dass die Münchner Schriftstellerin Christine Wunnicke dieses Jahr den Georg-Büchner-Preis erhält, die höchste literarische Auszeichnung des Landes. Und es ist eine fast schon populäre, im Vergleich zu den Ehrungen der vergangenen zwei Jahre für Ursula Krechel und Oswald Egger.

Wunnicke galt zwar, selbst wenn sie mit zwei ihrer Romane auch schon mal auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis landete, lange als Geheimtipp im Literaturbetrieb. Doch mit ihrem 2020 veröffentlichten Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“, der es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte, nahm erstmals ein größeres Publikum von ihr Notiz.

Danach ging es Schlag auf Schlag: Wunnicke erhielt den Münchner Literaturpreis, der alle drei Jahre für ein Gesamtwerk vergeben wird, den Wilhelm-Raabe-Preis, zuletzt den Jean-Paul-Preis. Und ihr 2025er Roman „Wachs“ über die Freundschaft der Malerin Madeleine Françoise Basseporte und der Anatomin und Wachsbildnerin Marie Biheron im Paris des 18. Jahrhunderts entwickelte sich zu einem Bestseller und stand ebenfalls auf der Buchpreis-Shortlist.

Wunnicke verzichtet auf übertriebene Einfühlung

Christine Wunnicke schreibt bevorzugt historische Romane, allerdings genreuntypisch auf knappstem Raum, ohne sich übertrieben um authentisches Zeitkolorit zu kümmern, ohne große historische Einfühlung. Sie konzentriert sich auf Wissenschaftler, Künstlerinnen und Entdecker, gern auf solche, die auf Abwege geraten sind und sich im Irrgarten von Spiritismus und Parapsychologie verlaufen haben.

Wunnickes „brillante Kunst“ mache „im vermeintlich Historischen das Fiktionale sichtbar“, begründet die Jury ihre Entscheidung, sie ermögliche „einen entlarvenden Blick auf die europäische Wissenschafts- und Kolonialgeschichte, ohne dabei die Empathie für ihre Figuren zu verleugnen“.

Sie sagte viele Dinge, den üblichen Unsinn, den man spricht bei der Liebe“

Aus dem Wunnicke-Roman „Wachs“

Diese sind zum Beispiel eben jene zwei Aufklärerinnen und Künstlerinnen aus „Wachs“, die im Lauf ihres Lebens auch auf den Philosophen Denis Diderot, den Botaniker Bernardin de Saint-Pierre oder den schwedischen Naturforscher Carl von Linné treffen und gegen viele Widerstände kämpfen: „Frauen, vermute ich“, schreibt Basseporte in einem Brief an Linné, „werden deshalb in allem so gut, weil man es ihnen so schwer macht.“

Oder der Mathematiker und Kartograf Carsten Niebuhr, der in „Die Dame mit der bemalten Hand“ 1761 von dem Theologen und Orientalisten Johann David Michaelis auf eine Arabien-Expedition geschickt wird. Auf einer kleinen Insel vor Mumbai begegnet er dem indischen Gelehrten und Astronomen Musa al Lahuri.

In „Katie“, einem grotesk-satirischen Spiritismus- und Wissenschaftsroman, der 2017 erschien, erzählt Wunnicke, wie der britische Forscher William Crookes mit seinem Medium Florence Cook zusammenarbeitet und wie Cook sich irgendwann von ihrem Séancenmanager emanzipiert, mit eigener Show, Büro und Sekretärin.

1966 in München geboren, arbeitete Wunnicke nach ihrem Studium der Psychologie und Linguistik mehrere Jahre in der Wissenschaftsverwaltung der Max-Planck-Gesellschaft. Ihr Faible galt zunächst der Zeit des Barock. Sie übersetzte englische Barockdichter ins Deutsche und befasste sich in ersten Rundfunkarbeiten mit Musikern des Barock, zum Beispiel dem Kastratensänger Filippo Balatri, über den sie 2001 die Biografie „Die Nachtigall des Zaren“ schrieb; auch ihr 2003 veröffentlichter Roman „Die Kunst der Bestimmung“ ist in London zur Zeit des Barock angesiedelt.

Unbekümmerter Eigensinn

Es ist nicht ganz einfach, in Wunnickes Werk Gemeinsamkeiten zu entdecken. Die Darmstädter Jury spricht von dessen „Verblüffungskraft“, von Wunnickes „unbekümmertem Eigensinn“. Viel geht es um ein Wissen, das noch ein unsicheres ist, lange nicht zum Lehrstandard gehört, geschweige denn sich zu Weltbildern geformt hat.

Neben dem Faible für Barock und zwei Japan-Romanen findet sich eine weitere mögliche Gemeinsamkeit: In ihrem Debütroman „Fortescues Werk“ steht ein homosexuelles Paar im Mittelpunkt; auch in der Cyber-Moritat „Serenity“, 2008 vom Verlag als „ultimative literarische Internet-Groteske“ angekündigt, geht es um sexuelle Identitäten.

„Ich habe vielleicht einen queeren Blick“, hat Wunnickes einmal in einem ihrer seltenen Interviews gesagt.

In „Wachs“ stellt sich die Liebe von Marie Biheron und Madeleine Francoise Basseporte so dar: „,Mmh’. Madeleine schob eisige Finger in Maries schlafwarme Hand. Sie wollte geküsst und geliebt werden, und Marie küsste und liebte sie. Seit bald zwanzig Jahren durfte sie Madeleine nun schon lieben. Welch ein Geschenk. Sie sagte viele Dinge, den üblichen Unsinn, den man spricht bei der Liebe, ,meine Rose, meine Clematis, meine Iris tuberosa’, und Madeleine murmelte, ,nicht reden, nicht reden’, dann machte sie wieder ,mmh.´“

Später gerät dann noch „ein wenig Kunst in die Liebe“: „So geht es, dachte Marie, es ist dies der Lauf der Zeit.“

Lakonischer Ton, unprätentiöser Stil

Man merkt an dieser Passage, dass Wunnicke mit Pathos nichts anfangen kann und gern ein paar Distanzmarker einbaut – auch wenn es ernst wird zwischen ihren Figuren, sei es in der Liebe, die den „üblichen Unsinn“ sprechen lässt, sei es in der Forschung, wenn etwa die Tochter des Astronomen in „Die Dame mit der bemalten Hand“ eines Tages konstatiert: „Der ganze Himmel geriet durch Vaters Faulheit allmählich aus den Fugen.“

Wunnickes Ton ist ein lakonischer, ihr Stil weitestgehend unprätentiös, ihre Stoffe sind nie ausladend. Und bei aller Reflexion und mitunter Erkenntnis, die ihre Romane transportieren: Unterhaltsam sind sie auch.

Wer nicht so gern unterhält, ist Christine Wunnicke selbst: Sie lässt sich nur wenig interviewen und scheut öffentliche Auftritte. Es hieß, dass sie vergangenes Jahr in Frankfurt zur Verleihung des Deutschen Buchpreises, den sie mit „Wachs“ hätte gewinnen können, nicht kommen wollte und dazu nur mit viel gutem Zureden bewegt werden konnte.

Der mit 50.000 Euro dotierte Georg-Büchner-Preis beschert ihr jetzt noch mehr Aufmerksamkeit, und an einer Dankesrede am 24. Oktober im Staatstheater Darmstadt wird Christine Wunnicke erst recht nicht vorbeikommen.