Die Kinostarts der Woche: Knackt Vaiana erneut die Milliarden-Grenze?

Eine höhere Tochter im viktorianischen England hat das Ziel, Astronomin zu werden. Eine polynesische Häuptlingstochter übernimmt die Verantwortung für ihre Leute, eine andere Tochter bekennt sich vor ihrer marokkanischen Mutter zu ihrer Lebensgefährtin.

Diese Kinowoche ist geprägt von spannenden Frauenfiguren. Der Buddy-Film „Auf zwei Rädern“ hingegen zeigt die weiche Seite zweier Männer.

1 Virginia Woolf’s Night & Day

Elyas M’Barek zeigt in der Kostümfilm-Adaption einer weniger bekannten Gesellschaftssatire der feministischen Ikone Virginia Woolf erstmals internationale Ambitionen. M’Bareks Figur Ralph Denham, Autor und Lektor, ist ein Aufsteiger aus der Arbeiterklasse.

Und als die aus besseren Kreisen stammende Hauptfigur Katharine Hilbery seiner im London des Jahres 1910 auf einer nächtlichen Dachterrasse erstmals ansichtig wird, kann sie gleich an seinem kecken Halstuch erkennen, dass dieser Mann Paprika im Blut hat.

Überraschenderweise erweist sich dann aber die Romanze zwischen Katherine und Ralph als subtilster Erzählstrang. Die verkappte Suffragette Katherine drängt es zu einer Karriere als Astronomin, was ihr Vater (Timothy Spall) rundheraus ablehnt.

Regisseurin Tina Gharavi will offensichtlich den Historienfilm- und den Emanzipationsappeal gleichzeitig melken und hat dabei weder Angst vor den Klischees des edwardianischen Englands mit raschelnden Kostümen, prächtigen Landsitzen und dreckiger Industrialisierung als Kulisse noch vor dem Geballer eines überproduzierten Soundtracks. (gba)

2 Vaiana

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Zwei Freunde, ein Hund, ein Todesfall und eine Fahrradtour von der Atlantikküste bis ans Schwarze Meer: Die Zutaten des Buddy-Roadmovies von und mit Mathias Mlekuz sind wenig spektakulär.

Genau darin liegt der Reiz des Films, der in Frankreich zum Publikumsliebling avancierte und auf zahlreichen Festivals ausgezeichnet wurde. Es trifft offenbar den Zeitgeist, wie sich hier Mathias und Philippe ganz gemächlich auf den Fahrradweg nach Istanbul machen, um den Suizid von Mathias’ Sohn Youri zu verarbeiten, der diese Route einst auf diese Weise zurückgelegt hat – zumal der Regisseur damit seine eigene Geschichte verarbeitet.

Auf dem Gepäckträger reist Mathias’ Hund Lucky mit. Montreuil, Wien, Budapest, Rumänien, Istanbul: Die Freunde plaudern über Gott und die Welt, den Sinn des Lebens, über Genuss und Askese. Sie zaubern vor Schulklassen, zelten, streiten auch mal über die Frage, was es heißt, ein prima Kerl zu sein, stets locker von der Handkamera begleitet.

Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Eine bewegende Trauerverarbeitung, schwer und leicht zugleich. Irgendwie lucky. (meh)

4 Etwas ganz Besonderes

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Als Lilia und ihre Partnerin Alice mit dem Flugzeug aus Paris in Lilias Herkunftsland Tunesien landen, beginnt das Versteckspiel: Lilia setzt Alice in einem Hotel ab und fährt selbst zu ihrer Familie, pünktlich zur mehrtägigen Trauerfeier ihres Onkels Daly.

Bis auf ihre Schwester und ihren Vater, von dem Lilias Mutter geschieden ist, weiß niemand aus ihrer Familie, dass sie lesbisch ist – auch ihre Mutter nicht, mit der sie ein angespanntes und von Widersprüchen geprägtes Verhältnis pflegt. Doch als sich ihre Verwandten seltsam zurückhaltend verhalten, als es um die Todesursache des Onkels geht, wird klar, dass es auch in ihrer tunesischen Familie gut gehütete Geheimnisse gibt. Antworten findet Lilia in den queeren Bars von Tunis.

Die tunesisch-französische Regisseurin Leila Bouzid erzählt eine emotionale Geschichte über Missverständnisse und Schweigen in der Familie, in der sich, etwa über Fotomontagen und Briefausschnitte dargestellt, Vergangenheit und Gegenwart überlappen. Insbesondere die einfühlsam erzählte Wiederannäherung zwischen Mutter und Tochter ist berührend anzusehen. (ero)