Wo die guten Geister wohnen

Die Monster leben im obersten Stockwerk. Wieso sonst sollte in der Grundschule von Yuki Tachibana die letzte Etage für Schüler gesperrt sein? Mit Kritzelbildern auf Schultischen und -heften verleiht der Zweitklässler seiner Überzeugung Ausdruck: Dort oben leben „Superstar“, „Chance“ und weitere Wesen von der „anderen Seite“.

Die sind für den mit anderen Kindern fremdelnden Einzelgänger so etwas wie Freunde, stecken aber auch hinter einigen merkwürdigen und bedrohlichen Vorfällen.

Die meisten seiner Mitschüler und Lehrer halten Yuki für verrückt. Aber der Junge sieht nun einmal Dinge, die für andere Menschen unsichtbar sind. Darunter auch sprechende Kaninchen, Blumenwesen und Wassertropfen mit menschlichen Gesichtern, deren Botschaften nur er entschlüsseln kann.

Heranwachsende, die in schwierigen Lebenslagen Trost in fantastischen Welten finden – das ist eines der zentralen Themen im Werk des japanische Manga-Autors Taiyō Matsumoto (53).

In seiner 2010 gestarteten und seit kurzem bei Carlsen auch auf Deutsch erscheinenden Serie „Sunny“ lässt ein Autowrack die Kinder eines Waisenhauses imaginäre Abenteuerfahrten unternehmen.

In „Tekkonen Kinkreet“ (auf Deutsch bei CrossCult), mit dem der selbst in einem Kinderheim aufgewachsene Zeichner 1993/94 seinen Durchbruch als Manga-Star hatte, erleben zwei Straßenkinder surrealistische Superhelden-Abenteuer.

Zitate aus „Mein Nachbar Totoro“

Und in „GoGo Monster“ (aus dem Japanischen von Daniel Büchner, Lettering von Michael Möller, Font: Uli Oesterle, Reprodukt, 458 Seiten, 29 Euro), das jetzt gut 20 Jahre nach seinem Erscheinen in Japan auf Deutsch vorliegt, sind unsichtbare Monster die zentrale Bezugsgruppe der Hauptfigur.

In seiner eigenen Welt: Yuki Tachibana ist die Hauptfigur in „GoGo Monster“.Foto: Reprodukt

Wichtiger als der eigentliche Plot ist bei Matsumoto allerdings die Atmosphäre, die er mit skizzenhaft wirkenden Bildern vermittelt. Enge Bildausschnitte in vertikalen Panels führen in „GoGo Monster“ ganz nah an die Figuren heran und zeigen oft nur Teile von Gesichtern.

In anderen Szenen weitet sich der Bildausschnitt dramatisch und lässt die Figuren in horizontalen Panorama-Panels verloren im Raum stehen. Und Szenen, in denen das Mysteriöse überwiegt, sind seine Bilder schwarze Schraffuren, die vieles nur noch schemenhaft andeuten.

Wobei nicht immer klar ist, welche der im Verlauf der Handlung zunehmend unheimlichen Vorkommnisse nur in der Welt von Yuki stattfinden und welche auch für andere Menschen sichtbar sind. So taucht als wichtige Nebenfigur ein Junge auf, der die ganze Zeit über seinen Kopf unter einem Pappkarton versteckt. Und hin und wieder verirrt sich ein Tier in die Schule und bringt dort die Routine durcheinander.

Das verleiht der Geschichte eine latent surrealistische Stimmung. Die erinnert an die von Geistern bevölkerte Welt von Manga- und Anime-Altmeister Hayao Miyazaki. Aus dessen Animationsfilm „Mein Nachbar Totoro“ gibt es an mehreren Stellen Bildzitate.

Westlicher Stil trifft japanische Comictradition

Neben der Bedeutung imaginärer Welten für seine Hauptfiguren ist bei Matsumoto ein weiteres Kernthema die Freundschaft.

Eine weitere Szene aus „GoGo Monster“.Foto: Reprodukt

In „GoGo Monster“ kann der Einzelgänger Yuki, in dessen Leben offenbar die Eltern keine Rolle spielen, sich auf den Hausmeister der Schule verlassen, einen vierschrötigen Alten, der lange der einzige ist, der den Jungen ernst nimmt. Hinzu kommt ein neuer Mitschüler, mit dem Yuki eine fragile, aber zunehmend wichtige freundschaftliche Beziehung verbindet.

Im Gegensatz zu vielen anderen Manga-Zeichnern, die auf glatte Linien, schematische Figurendarstellungen und eingeführte visuelle Codes setzen, verbindet Matsumoto Elemente der von ihm geschätzten westlichen mit der japanischen Comictradition zu einem ganz eigenen Stil, den er mit jedem seiner Werke weiter verfeinert hat.

Handarbeit bis ins letzte Detail

Bei der Physiognomie seiner Figuren kombiniert er einen realistischen mit einem eher karikierendem Strich und vermittelt dadurch starke, gut nachvollziehbare Emotionen. Viele seiner Szenen kommen ohne Worte aus und vermitteln Stimmung allein durch die Interaktion der Figuren mit dem sie umgebenden Raum.

Eines der Covermotive des Buches.Foto: Reprodukt

Dabei erweist sich Matsumoto als Handwerker der alten Schule. Während jüngere, auf digitalen Tablets arbeitende Zeichner bei sich wiederholenden Settings oft größere Bildelemente von einem Panel zum nächsten kopieren, hat er in derartigen Szenen jede einzelne Kulisse wieder und wieder gezeichnet – was den Bildern sogar bei eigentlich leblosen Elementen wie Schulfluren oder Hauswänden eine vitale Note verleiht.

Das betrifft auch die liebevolle Buchgestaltung, die den speziellen Blick der Hauptfigur auf die Welt reflektiert. So beginnt die Handlung in Form eines Tagebucheintrages von Yuki Tachibana bereits auf der äußeren Umschlagseite, die mit „- 8“ paginiert und dann wie ein Countdown rückwärts bis zur Seite Null geht, nach der die eigentliche, dann eher dialogisch erzählte Handlung startet.