„Nationale Identität schlägt kurzfristiges Kopieren“: Ein Fußball-Analyst erklärt, was Spanien richtig und Julian Nagelsmann falsch gemacht hat

Herr Friedl, warum ist Spanien aus spieltaktischer Sicht Weltmeister geworden?

Das kann im Grunde jeder Fan schnell erkennen: Spanien kontrolliert das Spiel über den Ballbesitz. Was aber erst beim genauen Hinschauen sichtbar wird, ist die Konsequenz, mit der sie das über das gesamte Turnier durchgezogen haben. Besonders im Halbfinale war zu sehen, wie sie über die Spielkontrolle das Tempo und den Rhythmus vollständig bestimmt haben. Und dann ist da noch diese Zahl, die für sich spricht: nur ein einziges Gegentor im gesamten Turnier – das ist Rekord. Das sagt alles darüber aus, wie konsequent ihr Ansatz war.

Spielkontrolle steht über allem?
Das Prinzip ist simpel, aber brutal effektiv: Wer den Ball hat, muss nicht verteidigen. Der Gegner muss gegen den Ball laufen, investiert Energie – körperlich und mental – und bekommt kaum Zugriff. Und wenn Spanien den Ball doch mal verliert, setzen sie sofort nach: Gegenpressing, Räume schließen, Ball zurückerobern. Das machen sie nicht punktuell, sondern über 90 Minuten und mit dem kompletten Team. Dazu kommt, dass das zentrale Mittelfeld die eigentlichen Taktgeber sind – Spieler, die genau wissen, wann sie in einen Raum reinspielen und wann eben nicht.

Ja?
Die nationale Identität schlägt kurzfristiges Kopieren. Teams, die über viele Jahre eine klare Spielphilosophie entwickelt und verankert haben, haben strukturelle Vorteile. Sie erzeugen beim Gegner Respekt, weil dieser weiß: Hier kommt etwas Stabiles, etwas Verlässliches. Deutschland muss in dieser Hinsicht dringend Hausaufgaben machen.

Und es gibt schon eine Gegenbewegung, die ich beobachte: Wenn sich eine Taktik wie der tiefe Block als dominant erweist, beginnen die anderen Teams, Antworten zu finden. Mehr Arbeit an Standards, mehr Schüsse aus der zweiten Reihe – bei dieser WM sind auffällig viele Tore von außerhalb des Strafraums gefallen, plus die Abstauber danach. Das könnte die nächste taktische Phase sein: Wer einen kompakten Block nicht aufbrechen kann, sucht den Weg über Standards und Distanzschüsse. Der Fußball entwickelt sich immer weiter – das ist sein Reiz.