Zum Tod von Fußball-Legende Kevin Keegan: Als die „Mighty Mouse“ die Bundesliga verzückte

Als alles vorbei war, feierten sie gemeinsam. Wie gute alte Freunde. Berti Vogts verließ das Lager der Verlierer, zu dem er selbst gehörte, und schloss sich der Party der Sieger an.

Der Kapitän von Borussia Mönchengladbach war von seinem Widersacher Kevin Keegan eingeladen worden, den Abend mit den Spielern des FC Liverpool ausklingen zu lassen. „Das gehört sich so“, sagte Vogts über seinen Besuch im Mannschaftshotel der Engländer in der Innenstadt von Rom. „Ich habe mich mit ihnen gefreut, obwohl ich liebend gerne an ihrer Stelle gewesen wäre.“

Vogts zeigte Größe, nachdem sein Gegenspieler Keegan ihn zuvor ziemlich klein gemacht hatte. Aber damit stand Borussias Verteidiger, der in seiner Karriere viele außergewöhnliche Stürmer zur Wirkungslosigkeit verdammt hatte, nicht allein.

Kevin Keegan in dessen bester Zeit unter Kontrolle zu bekommen, das war nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Vogts scheiterte an dieser Aufgabe, als er am 25. Mai 1977 mit den Gladbachern im Finale um den Europapokal der Landesmeister auf den FC Liverpool traf.

Alles gewonnen mit Liverpool

„Dieser Zweikampf wurde im eigentlichen Sinne das Ereignis des Abends“, schrieb die „Fußball-Woche“ über das Endspiel von Rom. „Was dieser schwarzlockige Wühler Keegan alles im Repertoire hat, setzte selbst den erfahrensten Experten in Erstaunen. Oft blieb Berti nichts anderes als rigoroses Einsteigen, um überhaupt eine Kontrolle über Keegans Aktionen ausüben zu können.“

Mit 3:1 gewannen die Engländer das Endspiel – und das lag vor allem am damals 26 Jahre alten Keegan, den Vogts einfach nicht zu bändigen wusste. In der 83. Minute wusste er sich nur durch ein Foul zu helfen. Phil Neal verwandelte den folgenden Elfmeter und beseitigte mit dem 3:1 die letzten Zweifel am Sieg der Engländer. Es war das erste Mal, dass die Liverpooler den silbernen Henkelpott für das beste Team Europas gewinnen konnten.

„Ihn kann man hoch anspielen, flach, in den Rücken oder in den Lauf, er weiß immer an den Ball zu kommen und den dann zu behaupten“, schrieb der „Kicker“ nach dem Finale von Rom über Keegan. „So schwach, wie manche es sahen, war Vogts gar nicht gegen ihn, aber Keegans Klasse setzte sich häufiger durch.“

Die Leute hielten mich für verrückt, Liverpool zu verlassen.Vielleicht hatten sie recht. Aber ich musste mir selbst etwas beweisen.

Kevin Keegan über seinen Wechsel von Liverpool zum HSV

Deutschland und die Deutschen: Im Leben von Kevin Keegan haben sie immer wieder eine wichtige Rolle gespielt. Auch seinen ersten internationalen Titel hatte er mit Liverpool gegen ein Team aus der Bundesliga gewonnen – 1973 im Uefa-Pokal, ebenfalls gegen Borussia Mönchengladbach. Und am Tag nach dem Sieg in Rom fragte der „Kicker“ auf seiner Titelseite: „Unterschreibt Keegan heute bei Hamburg?“

Ja, das tat er tatsächlich bald darauf – obwohl Keegan mit den Liverpoolern auf einer Welle des Erfolgs surfte. Seitdem er 1971 von Scunthorpe United zu den Reds gewechselt war, hatte er drei englische Meistertitel gewonnen, zweimal den Uefa-Pokal, je einmal den FA-Cup und den Europapokal der Landesmeister. „Die Leute hielten mich für verrückt, Liverpool zu verlassen“, hat er einmal gesagt. „Vielleicht hatten sie recht. Aber ich musste mir selbst etwas beweisen.“

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Millionen Mark waren dem HSV 1977 die Dienste von Kevin Keegan wert – damals ein Bundesliga-Rekord

Dass die Hamburger Englands Superstar für die damals gewaltige Ablöse von 2,3 Millionen Mark nach Deutschland holten, war ein echter Coup. Nie zuvor hatte ein Bundesligist mehr als zwei Millionen Mark für einen Spieler ausgegeben. Zudem erhielt der Kapitän der englischen Nationalmannschaft beim HSV ein stattliches Gehalt.

Aber der Plan ging zunächst nicht auf. In Keegans Premierensaison landete das Team lediglich auf Platz zehn. Der Engländer wollte den HSV gleich wieder verlassen. Als Günter Netzer im Sommer 1978 neuer Manager bei den Hamburgern wurde und Keegan in sein Büro bat, sparte der sich daher sämtliche Höflichkeitsfloskeln und sagte nur: „Damit du Bescheid weißt: Ich will hier weg.“

Zum Glück für die Hamburger aber blieb Keegan. Zwei weitere Jahre spielte er für den HSV. In dieser Zeit machte der nur 1,70 Meter große Stürmer seinem Spitznamen „Mighty Mouse“ alle Ehre. Die mächtige Maus trug entscheidend dazu bei, dass die Hamburger zum ersten Mal nach 19 Jahren wieder Deutscher Meister wurden. „Er war das Symbol der Meisterschaft, das Idol der Kinder, Jugendlichen, Erwachsenen und Senioren der fußballbegeisterten Hansestadt“, hat der „Spiegel“ einmal über Keegan geschrieben.

ARCHIV - 08.06.1979, NA, Hamburg: ARCHIV - Neben dem jugoslawische Trainer Branco Zebec (l) und Abwehrspieler Manfred Kaltz (r) zeigt der englische Stürmerstar Kevin Keegan (M) vom Hamburger SV am 09.06.1979 die Meisterschale. Am 14.02.2016 wird der ehemalige HSV-Spieler Keegan 65 Jahre alt. Foto\ Werner Baum/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++. Keegan starb im Alter von 75. Jahren. (zu dpa: «Englands Fußball-Legende Kevin Keegan stirbt im Alter von 75») Foto: Werner Baum/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Kevin Keegan mit der Meisterschale 1979.

© dpa/Werner Baum

In seiner Hamburger Zeit wurde er gleich zweimal, 1978 und 1979, zu Europas Fußballer des Jahres gewählt. Aber auch außerhalb des Fußballplatzes, nämlich als Sänger, feierte Keegan außergewöhnliche Erfolge. Seine Single „Head Over Heels In Love“ erreichte 1979 Platz zehn der deutschen Hitparade. In seiner Heimat landete der Song lediglich auf Platz 31.

Zwei Jahrzehnte nach seinem Weggang aus Hamburg wurden die Deutschen noch einmal zu seinem Schicksal – als sie sich im Oktober 2000 im Londoner Wembley-Stadion zum Auftakt der WM-Qualifikation mit 1:0 gegen die Three Lions durchsetzten und damit der Zeit von Kevin Keegan als englischer Nationaltrainer ein Ende setzten. Danach arbeitete er nur noch bei Manchester City als Coach und kurzzeitig, von Januar bis September 2008, bei seinem früheren Klub Newcastle United. Seine Erfolge als Trainer blieben deutlich hinter denen als Spieler zurück.