Engagement für die Kultur: „Vielen Vereinen fehlt der Nachwuchs“
Frau Hummel, nach dem Sport ist die Kultur der Bereich, in dem die meisten Menschen sich ehrenamtlich engagieren – laut Zeitverwendungserhebung von 2022 rund vier Millionen Menschen in Deutschland. Wie bewerten Sie das?
Ohne das große zivilgesellschaftliche kulturelle Engagement wäre das vielfältige Kulturleben in Deutschland nicht möglich. Viele Bibliotheken, Archive, Gedenkorte, Museen, Theater, Kinos könnten nicht arbeiten, substanzielle Teile der Kulturlandschaft würden wegbrechen. Es gibt allein 110 000 Kulturvereine in Deutschland! Das ist großartig und sollte viel stärker gewürdigt werden. Wir sehen aber, dass das Engagement offenbar seinen Zenit erreicht hat und rückläufig ist.
Wie sieht der typische, die typische Engagierte aus?
Menschen, die sich für Kultur engagieren, sind in der Regel überdurchschnittlich gebildet und haben einen guten sozioökonomischen Hintergrund. In Kulturvereinen sind meist mehr Frauen als Männer vertreten, wobei die Männer aber in den Vorständen und repräsentativen Funktionen überrepräsentiert sind. Überwiegend sind die Engagierten in fortgeschrittenem Alter, oft schon im Ruhestand. Und das ist eins der Probleme: In vielen Vereinen mangelt es an Nachwuchs, es fällt schwer, Posten neu zu besetzen, wenn die Inhaber aus Altersgründen ausscheiden.
Haben Sie Empfehlungen, wie ein Generationswechsel gelingen kann?
Vereine können zum Beispiel neue Zielgruppen ansprechen und sie fragen: Was bräuchtet ihr, um euch zu engagieren? Sie sollten offen dafür sein, eigene Strukturen zu ändern, statt zu erwarten, dass die Jüngeren einfach übernehmen und alles weiter machen wie bisher. Es braucht eine Flexibilisierung des Engagements, die auch Jüngere und Menschen mit Migrationshintergrund anspricht.
… die von Politikern aber oft beschworen wird …
Ja, in Sonntagsreden. Es bräuchte viel mehr: etwa eine bundesweite Kampagne, die zum Engagement aufruft. Auch in den Lehrplänen müsste das Thema verankert werden, damit schon Kinder und Jugendliche sehen: Es ist wichtig, etwas für die Gesellschaft zu tun, ob nun in Form von Zeit-, Sach- oder Geldspenden. Mehr gesamtgesellschaftliche Aufmerksamkeit würde auch die Spendenbereitschaft und das Mäzenatentum stärken, das wir im Kulturbereich dringend brauchen.

© Dorothe Nolte
Daran mangelt es Studien zufolge vor allem in Ostdeutschland.
Wir sehen in allen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, dass das individuelle Engagement geringer ausgeprägt ist – hier herrschte lange die Erwartung vor: „der Staat macht das“. Die Vereinsdichte ist geringer, es gibt weniger Stiftungen, und die haben weniger Geld. Vereine und Initiativen in Ostdeutschland sind daher stärker auf öffentliche Förderung angewiesen als in Westdeutschland. Umso bedenklicher ist es, wenn die AfD die Gemeinnützigkeit von Vereinen und Initiativen in Frage stellt und sie mit Mittelkürzungen bedroht. Der Kulturbereich ist nicht unpolitisch, schon ein Bibliotheksfest unter dem Motto „Vielfalt“ kann an manchen Orten zu Anfeindungen führen.
Wie kann die Politik das zivilgesellschaftliche kulturelle Engagement fördern?
Es gibt viele unnötige bürokratische Anforderungen, die den Vereinen das Leben erschweren. Welcher Ehrenamtliche möchte sich schon mit den Regularien im Vereins-, Haftungs- und Gemeinnützigkeitsrecht herumschlagen? Auch die Förderstrukturen könnten vereinfacht werden, um mehr Vereinen zu ermöglichen, mit vertretbarem Aufwand Förderung zu erhalten.