Aus Liebe rübermachen: „Sorry Genosse“ erzählt von einer wilden Republikflucht

Im überfüllten Interzonenzug von Hannover nach West-Berlin auf dem Koffer hocken. Im Stau vorm Grenzübergang Dreilinden das Auto vorwärts schieben. Am Grenzübergang Friedrichstraße in den Abfertigungsboxen stehen. Solche Ost-West-Impressionen treiben Menschen, die nach der Wiedervereinigung geboren wurden, nur Fragezeichen in die Augen. Umso wichtiger ist ein jede Menge Zeitkolorit transportierender, aber kein bisschen darunter ächzender Dokumentarfilm wie Vera Brückners „Sorry Genosse“.

Im vergangenen Jahr auf der Berlinale in der Perspektive Deutsches Kino aufgeführt, erzählt die Liebesgeschichte der 1988 geborene Absolventin der HFF München, vom ganz alltäglichen Irrsinn des Lebens in zwei Deutschlands, die noch dazu im Zentrum des Kalten Krieges lagen. Was „Sorry Genosse“ auch mittels Originalmaterial aus den sechziger und siebziger Jahren verdeutlicht, die von der Mondlandung über Militärparaden bis zu Richard Nixon und Leonid Breschnew reichen.

Hedi und Karl-Heinz früher in den Siebzigern.
Hedi und Karl-Heinz früher in den Siebzigern.
© W-film/Nordpolaris

Die eigentliche Geschichte im großen Weltgetriebe ist aber eine Teenagerliebe. Die von Hedi und Karl-Heinz, heute beide um die 70. Die Pensionäre, er ein verschmitzter, drahtiger T-Shirtträger, sie eine fröhliche Brünette, erzählen der Filmemacherin inmitten sommerlicher Ansichten von Landschaften und Städten wie Berlin von der Zeit, als sie sich kennenlernten.

Dass Vera Brückner nicht nur als kühle Beobachterin fungiert, dokumentiert ihre flüsternde Erzählerinnenstimme, die zu Beginn das Einvernehmen mit den Zuschauern sucht: „Hey, unter uns, ich hab‘ mich in die Geschichte von Karl-Heinz und Hedi verliebt.“ Später inszeniert Brückner ihre Protagonisten gar wie im Spielfilm mit Requisiten und farbigen Hintergründen und verdeutlicht den Wirrwarr der Republikflucht mittels einer animierten Karte.

Dass es trotz solcher Späßchen um eine tragische Trennung und verbrecherische Verhältnisse geht, unter der die jungen Leute jahrelang leiden, ist trotzdem in jeder Minute klar. Die Distanz der Rückschau erlaubt Brückner jedoch, die Absurdität der deutsch-deutschen Realität auszustellen. Und das kombiniert mit dem von der Studenten- und Friedensbewegung geprägten, über die Grenze hinweg durchaus verwandten Lebensgefühl von Hedi und Karl-Heinz, zu dem Ton Steine Scherben-Songs den Soundtrack liefern.

Eigentlich stammen die spätere Jenaer Medizinstudentin und der angehende Frankfurter Lehramtsstudent nämlich aus demselben Dorf: Oberellen in Thüringen. Nur, dass Karl-Heinz als Einjähriger mit den Eltern in den Westen rübermachte. Bei Tänte Clärchens Geburtstag 1969 lernen sie sich kennen, da ist Hedi gerade mal 17.

Karl-Heinz brütet über dem Masterplan für Hedis Republikflucht.
Karl-Heinz brütet über dem Masterplan für Hedis Republikflucht.
© W-film/Nordpolaris

Bei beiden funkt es, eine innige Brieffreundschaft entsteht. Als Karl-Heinz auf Abi-Fahrt nach West-Berlin kommt, wollen sie sich 1970 in Ostberlin vor der Staatsoper treffen. Weil ein Brief nicht zugestellt wird, verpassen sie sich und warten an unterschiedlichen Tagen vergeblich aufeinander. In Zeiten von Internet und Mobiltelefon unvorstellbar.

Trotz der herben Enttäuschung geht die Liebe weiter. Bei Treffen in Prag und als Karl-Heinz sich 1972 illegalerweise bei Hedi in Jena einquartiert. Als er in Berlin einen Einbürgerungsantrag zur Übersiedelung in die DDR stellt, wird die Stasi auf den langhaarigen Linken aufmerksam und versucht, Karl-Heinz als Spion zu gewinnen.

Schwarzweiß-Fotos vom Sommerurlaub in den Ostblockstaaten zeigen ein glückliches Hippiepaar, das mit der Klampfe vor dem Zelt abhängt. Hinter den Kulissen steigert die Stasi den Druck und manipuliert das Einbürgerungsverfahren. Hedi, die zuvor ihr Leben in der DDR nicht grundsätzlich infrage gestellt hat, entschließt sich zur Republikflucht über Rumänien. Die Zitterpartie erzählt „Sorry Genosse“ als Krimi und Posse zugleich. Ein wirksamer Weg, um die Willkür politischer Systeme ad absurdum zu führen.

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