Zum Tod des Literaturkritikers Volker Hage: Bombenkrieg und Bocksgesang

Als Volker Hage im November 1975, da war er 25-jährig gerade Literaturredakteur bei der „FAZ“ geworden, von seinem Literaturchef Marcel Reich-Ranicki gefragt wurde, wer 1813 geboren wurde, konnte er darauf keine Antwort geben. „Büchner!“, schleuderte ihm Reich-Ranicki entgegen: „Ja, so was müssen Sie wissen, sonst sind Sie hier nicht mehr lange.“

Hage schrieb das in seine Tagebücher und war sich nicht sicher, wie Reich-Ranicki das meinte, „halb ernst, halb im Scherz; genau weiß man das nie“. Und er erinnerte noch einen weiteren Satz seines Lehrmeisters: „Der Literaturkritiker muss seine Sache mit verbissenem Ernst betreiben, sonst ist er keiner.“

Hage blieb dann unter Reich-Ranicki immerhin fünf Jahre bei der „FAZ“, wechselte später zur „Zeit“, wo er bis 1992 amtierte, und war danach bis 2014 hauptverantwortlich für die Literaturberichterstattung beim „Spiegel“ zuständig. Man musste also nicht unbedingt Büchners Geburtsdatum kennen, um eine Karriere als Literaturkritiker machen zu können, da irrte Marcel Reich-Ranicki, auch was den „verbissenen Ernst“ anbetraf.

Hage kannte sie alle

Hage betrieb seine Profession sehr ernsthaft, aber angenehmerweise ohne Verbissenheit, mit vielen, vielen Rezensionen von Romanen aller großen Autoren seiner Zeit, ob Martin Walser, Siegfried Lenz oder Max Frisch, ob Philip Roth oder Saul Bellow. Diese waren stets kritisch, wenn es sein musste, aber argumentativ umsichtig und manchmal auch nachsichtig.

Ihm wollte selten jemand an den Kragen, wie so manchem seiner Zunft, erst recht Reich-Ranicki, zumal Volker Hage sowieso ein freundlicher, umgänglicher Mensch war. Er verstand sich dann aber auch als Kritiker, der die Autoren und Autorinnen kennenlernen, ihre Bücher vor dem Hintergrund der jeweiligen Biografie lesen wollte, wie man das in seinen 2019 und 2022 erschienenen Schriftstellerporträts nachlesen kann.

Reich-Ranicki zerreißt Grass-Roman

Und als „Spiegel“-Mann ging es ihm überdies stets um große Aufschläge im Debatten- und Literaturbetrieb: Er verantwortete den Reich-Ranicki-Verriss mitsamt Cover (auf dem MRR das Buch zerreißt) von Günter Grass’ Roman „Das weite Feld“, den Botho-Strauß-Essay „Anschwellender Bocksgesang“ oder eine Titelstory über das „literarische Fräuleinwunder“, eine Formulierung, die leider schon damals, 1999, peinlich genug war.

2003 widerlegte Hage den Schriftsteller W.G. Sebald, der damals beklagte, dass der alliierte Luftkrieg gegen Deutschland in der deutschsprachigen Literatur keinen Niederschlag gefunden hatte, mit seinem von ihm herausgegebenen Buch „Zeugen der Zerstörung“ und schrieb, dass diese Lücke „weniger eine der Produktion als der Rezeption“ sei.

Zahlreiche weitere Bücher zum Beispiel über Max Frisch, John Updike oder Walter Kempowski verdanken sich seiner literaturkritischen Tätigkeit. Erst nachdem Hage 2014 in den „Spiegel“-Ruhestand gegangen war, wagte er sich an eigene Romanprojekte und schrieb den Roman „Die freie Liebe“ sowie die Arthur-Schnitzler-Romanbiografie „Des Lebens fünfter Akt“. Am Mittwoch ist Volker Hage in Hamburg an den Folgen einer Krebserkankung gestorben. Er wurde 76 Jahre alt.