So war die Eröffnung des Internationalen Literaturfestivals Berlin: Der Brunnen der Literatur ist ein tiefer und gut gefüllter

Man kennt das zur Genüge von Eröffnungsveranstaltungen, von Festivals, Buchmessen oder anderen Feierlichkeiten. Ein Grußwort eines Politikers oder einer Politikerin folgt auf das nächste, und wenn die Hauptakteure die Bühne betreten, die wirklich wichtigen Redner oder Rednerinnen, die eigentlich im Mittelpunkt stehen sollten, macht sich oft schon Erschöpfung breit.
Nicht so an diesem Donnerstagabend im Haus der Berliner Festspiele bei der Eröffnung des 26. Internationalen Literaturfestivals Berlin.
Wie es sich gehört, begrüßte der Leiter der Berliner Festspiele, Matthias Pees, kurz seine Gäste für die kommenden anderthalb Wochen, die Organisatoren und Mitstreiterinnen des Literaturfestivals, die Autoren und Autorinnen, und hieß sie willkommen, im Übrigen auch die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, die im Publikum saß und gewissermaßen Stammgast ist. „Liebe Lavinia Frey, the floor is yours and the whole house“, übergab Pees, und schon stand die Leiterin des Festivals ganz rechts auf der Bühne, um ihrerseits ihr Festival und die Grundzüge des Programms vorzustellen.
Frey bedankte sich, auch das gehört sich so, bei dem Trägerverein des Festivals, der Peter-Weiß-Stiftung für Kunst und Politik, und dem Hauptstadtkulturfonds, dem „Ermöglicher“ und Geldgeber seit Anbeginn. Namentlich nannte Frey unter anderen Konrad Schmidt-Werthern, den Amtsleiter des BKM, Cerstin Richter-Kotowski, die Staatssekretärin in der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt, sowie Hermann Parzinger, der jetzt Kurator des Hauptstadtkulturfonds ist.
Wo war Wolfram Weimer?
Reden tat keiner von ihnen. Man fragte sich schon, warum eigentlich nicht. Wo war der BKM, der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Wolfram Weimer? Vergangenes Jahr hatte Weimer es sich nicht nehmen lassen, eine Rede zu halten, als Mann der Literatur, als der er sich gern gibt. Interesse schon wieder verloren? Andere, wichtigere Termine?
Und doch war es eine Wohltat, tatsächlich niemanden aus der Politik zu hören, sondern gleich den Schirmherrn des diesjährigen Festivals, den französisch-algerischen Schriftsteller Boualem Sansal. Dieser bedankte sich als Erstes bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der sich entscheidend dafür eingesetzt hatte, dass Sansal nach einjähriger Haft in Algerien aus dem Gefängnis freikam.
Ist Boualem Sansal nach rechts gerückt?
In Frankreich ist Sansal nicht mehr ganz so gelitten, weil er seinen Stammverlag Gallimard verlassen hat und jetzt bei Grasset unter Vertrag steht. Grasset ist ein Verlag, der zur Hachette-Gruppe des rechtsidentitären bretonischen Multimilliardärs Vincent Bolloré gehört, wo nun auch Sansals Buch über die Haft herauskommt. Überhaupt scheint Sansal politisch nach rechts gerückt zu sein. Nicht zuletzt war es 2024 ein Interview mit dem rechtsextremen Magazin „Frontières“, das ihm die Haft eingebracht hatte.
Im Haus der Berliner Festspiele sang Sansal ein Hoch auf die Freiheit, auf das „freie Wort“, auf das Festival und die Autoren und Autorinnen, die sich hier treffen „und die weiterhin glauben, Worte können Menschen einander näher bringen“.
Die uralte Quelle Literatur
Und auf die Literatur als solche. Sie stille den „Durst“ der Menschheit „nach Wahrheit, nach Freiheit, nach Vertrauen, nach Dialog, nach Hoffnung“, sie sei eine „Quelle“, eine „uralte Quelle“. Denn, so schloss Sansal, nachdem er noch von einem „Brunnen der Literatur“ gesprochen hatte, „die Literatur ist vielleicht die letzte Quelle, an der die Menschen noch einander begegnen können, ohne aufzugeben, was sie sind.“