Digitalminister Wildberger und die Kultur: „Das kulturelle Erbe nicht vor der KI verstecken“

Europa strebt nach KI‑Souveränität. Digitalminister Karsten Wildberger will gemeinsam mit anderen europäischen Ländern in eigene, starke Infrastrukturen investieren, um unabhängiger von amerikanischen und chinesischen Tech-Konzernen zu werden. Im Zentrum der Überlegungen stehen oft Wirtschaft und Verwaltung. Bei einer Veranstaltung gestern auf der Berliner Museumsinsel ging es aber mal um die Kultur.
Wildberger forderte in einer Keynote, die er in der James-Simon-Galerie hielt, Mut bei der Digitalisierung des kulturellen Erbes und beim Einsatz von KI. „Wir dürfen unser kulturelles Erbe weder vor der KI verstecken noch es ihr einfach preisgeben“, so der Minister. Zugänglichkeit sei wichtig, aber geschützt und nach klaren Regeln. Die Veranstaltung fragt nach eben diesen Rahmenbedingungen, die für digitale Souveränität im Kulturbereich notwendig sind.
Kostenloser Rohstoff für Tech-Konzerne
Eingeladen hatten die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), als Hüterin über Millionen von kulturellen Objekten, Büchern und historischen Dokumenten, sowie der Deutsche Kulturrat als Vertretung der Kulturschaffenden. „Bevor man etwas weggeben könne, müsse es einem erstmal gehören“, sagte Kulturrat-Geschäftsführer Olaf Zimmermann.
Er beklagte die Verletzung von Urheberrechten beim Trainieren der generativen KI. Politik und der Kulturbetrieb selbst hätten hier in der Vergangenheit versagt. In eigenen, europäischen Systemen bräuchten Kulturschaffende Kontrolle über die Verwertung ihrer Inhalte und angemessene Vergütungsregeln.
Öffnung statt Abschottung
Einerseits ist man in Kultureinrichtungen wie der SPK stolz darauf, dass ihre Bestände in den Museen, Bibliotheken und Archiven sukzessive digitalisiert werden, wenn auch bundesweit noch viel fehlt. Aber jetzt, wo es langsam Fortschritte gibt, haben sich die Parameter geändert.
Nicht ein Suchfeld im eigenen System gewährt die Auffindbarkeit und den Zugang zum Kulturerbe, sondern die KI-Systeme von Google und Co. Daten werden von KI-Crawlern unkontrolliert abgesaugt, sodass regelmäßig die Server von Kulturinstitutionen zusammenbrechen. So beobachtet es Martin Breuer, Leiter der Deutschen Digitalen Bibliothek. Schaut man pessimistisch auf die Sache, sieht man, dass die Sprachmodelle das Wissen nach ihrer algorithmischen Logik verarbeiten, Bilder aus dem Kontext reißen oder neue generieren, die die geschichtliche Wahrheit gefährlich verzerren können.
Kultur sei lebendiges Gedächtnis, sagte hingegen Wildberger. Statt „Deutungshoheit“ von Staat und Kulturinstitutionen fordert er „Deutungsfreiheit“ für die Nutzer. Die Deutsche Digitale Bibliothek (DDB) mit über 65 Millionen Objekten soll die zentrale technische Infrastruktur für digitale Kulturbestände werden. Sie definiert Standards und Schnittstellen, ohne „die föderale und institutionelle Verantwortung für die Bestände aufzugeben“. Sie soll „der deutsche Knotenpunkt zum Europäischen Kulturdatenraum“ sein.
Ein damit verbundenes Projekt soll Daten mittels KI neu erschließen, sie mit Lehrplaninformationen verknüpfen und für die Bildung nutzen. Daran arbeitet unter anderem Jürgen Döllner, Professor für Visual Computing und KI, der das Projekt beim Hasso-Plattner-Institut betreut. Wildberger deutete an, dass das Projekt aus Mitteln seines Hauses und der Behörde des Kulturstaatsministers finanziell unterstützt werden soll. 3sat-Chefin Natalie Müller-Elmau, deren Sender die Veranstaltung mit ausrichtete, sprach von vier Millionen Euro.
Auf dem Podium, an dem der Digitalminister schon nicht mehr teilnahm, wurde kritisiert, dass Geld in immer wieder neue KI-Leuchtturmprojekte investiert werde, während gleichzeitig drastische Kürzungen im Kulturetat anstehen, die etablierte Einrichtungen, die ebenfalls die Digitalisierung mitgestalten, direkt betreffen.
Lokale LLMs, also lokale große Sprachmodelle, die auf dem eigenen Rechner laufen könnten, seien eine gute Alternative auch für Kulturinstitutionen, sagte Jürgen Döllner vom Hasso-Plattner-Institut. Elisabeth Böhm stellte das genossenschaftlich organisierte Netzwerk digiCULT vor, in dem etliche deutsche Museen aus Schleswig-Holstein, Thüringen, Nordrhein-Westfalen und anderen Bundesländern ihre digitalen Bestände mit einer eigenen Softwarelösung verarbeiten und zur Verfügung stellen. Es gibt viele Ansätze, aber wohl nicht den einen ganz großen.