Gilla Band, Soft Cell, Protomartyr, Nichtseattle: Die Alben der Woche im Soundcheck

Jeden Freitag stellen vier Musikjournalistinnen und -journalisten ab 21 Uhr ihre Alben der Woche in der Sendung „Soundcheck“ bei Radio eins vor. Diese Woche mit den folgenden Platten:
Gilla Band: Pugnello (Rough Trade)
Irgendwo in diesem Krach liegt die Antwort, die Sänger Dara Kiely sucht, um sich selbst „besser zu verstehen“, wie er sagt. Ob sie für ihn leichter zu ertragen ist als für uns? Denn Schonkost ist das vierte Album der Dubliner Industrial-Punks nicht. Sondern ein verstörend roher, aggressiver Albtraum, gegen den Kiely mit unbändiger Energie anschreit.
Da schwingt viel von der „zerrissenen Kindheit“ mit, die der Ire jetzt thematisiert und ihn sich bloß als „Platzhalter“ fühlen lässt. Entlädt sich in diesem Frustgewitter die dunkle Seite der Achtsamkeitsmode? Ein scheuer Außenseiter, der sehr laut ist, weil er die Arroganz des mental Überforderten aus sich austreiben will?
Dass Kielys von den drei Mitstreitern an Gitarre, Bass, Drums und Drumcomputer furios unterstützter Selbstfindungstrip ein mitreißendes Vergnügen wäre, kann man nicht gerade behaupten. Man fühlt sich allein gelassen mit Wunden, die nicht die eigenen sind und sich in absurder Poesie auflösen („Why is being horizontal wrong?“). Aber so ist das, wenn Musik es mit Monstern aufnehmen muss. Kai Müller, Tagesspiegel
Soft Cell: Danceteria (Label: Soft Cell Music)
Ach, Soft Cell! War da nicht schon vor über 40 Jahren Schluss? Natürlich, aber bei einem Bandprojekt, das mit „Tainted Love“ in den Dauerschleifen-Modus der Wiederverwertung geraten ist, ist ja nie Schluss. Auch wenn das neue, sechste Album wirklich das letzte sein wird. Denn Dave Bell, ein Teil des Duos, ist vor einem Jahr gestorben.
Der andere, Marc Almond, ist noch da. Er hört sich an wie eine Mischung aus Pet Shop Boys und Marc Almond und singt vom New York der 80er. Er versucht sich an alter Euphorie, aber die überträgt sich nur, wenn man ausblendet, dass von damals praktisch nichts mehr übrig ist: die Orte nicht, die Menschen nicht, die Lebenslust auch nicht. Der Tod tanzt mit – und wer will das denn? Martin Böttcher, Musikjournalist
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Nichtseattle: Große Liebe (Staatsakt)
Ja, es gab sie. Die Zeit ohne Handys, ohne Zeitdruck, ohne KI, Zeit der Unschuld, Zeit der großen Liebe. Aus dieser Zeit kommt die Musik von Katharina Kollmann. Klug, poetisch und musikalisch unangepasst erzählt das selbst ernannte „Wendekid“ einmal mehr vom Werden unter neuen Prämissen. Zehn Songs, die unsere Sehnsucht nach der Unberechenbarkeit der Welt erfolgreich am Zeitgeist vorbei schmuggeln und ihr im Hier und Jetzt eine neue Chance geben. Fanny Tanck, Musikjournalistin
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