Abschied von einem Comic-Titan

In der Nacht zu Sonntag wurde bekannt, dass George Pérez am Freitag mit 67 Jahren gestorben ist. Im Dezember 2021 hatte Christian Endres, der als freier Autor für den Tagesspiegel arbeitet und einige von Pérez’ Arbeiten für die deutsche Veröffentlichung redaktionell betreut hat, das Lebenswerk des Künstlers gewürdigt. Wir veröffentlichen diesen Text jetzt aus aktuellen Anlass erneut.

Ab 1975 war Pérez Zeichner der „Avengers“-Hauptserie.Foto: Marvel/Panini Comics

Via Social Media erklärte Pérez am 7. Dezember 2021, dass er Ende November nach einer Operation an der Leber die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs Stadium 3 erhalten habe. Pérez, der seine Comic-Karriere bereits Anfang 2019 Jahren wegen diversen gesundheitlichen Problemen offiziell beendete und bloß noch private Einzelzeichnungen anfertigte, hat sich gegen eine Behandlung der unheilbaren Krankheit entschieden. Er wird der Natur ihren Lauf lassen und will versuchen, aus den ihm verbleibenden sechs bis zwölf Monaten so viel herauszuholen wie möglich.

In seinem Statement schreibt Pérez: „Ich werde die mir verbleibende Zeit, die ich nach 40 Jahren Ehe mit meiner wunderbaren Frau, meiner Familie, meinen Freunden und meinen Fans noch habe, bestmöglich genießen.“

Dieser Text ist deshalb natürlich auch kein voreiliger Nachruf auf den Comic-Könner. Viel mehr soll er als Aufruf verstanden werden, das große Schaffen von George Pérez noch zu Lebzeiten zu würdigen und zu feiern – so, wie es seit seinem Beitrag auf Facebook bereits viele Freunde und Weggefährten, Comic-Schaffende verschiedener Generationen und Fans online tun.

Es ist ein deprimierender, trauriger Anlass, aber zugleich eine Möglichkeit, nicht wie sonst meistens zu spät Danke zu sagen für viele unvergessliche Panel-Geschichten und ikonische Schöpfungen, die nicht allein den Comic bis heute bereichern, sondern inzwischen unsere gesamte Popkultur.

Amazonen, Avengers und Titanen

George Pérez, 1954 als Sohn puerto-ricanischer Einwanderer in der Bronx geboren, startete seine Comic-Laufbahn als Assistent des Künstlers Rich Buckler, Schöpfer der Figur Deathlok. Bei Marvel zeichnete der junge Pérez in den 1970ern unter anderem viele der damals beliebten Kung-Fu-Comics, in deren Umfeld zum Beispiel Shang-Chi debütierte.

Nachwuchs-Helden: Cover eines Sammelbandes der „New Teen Titans“, gezeichnet von George Pérez.Foto: DC/Panini Comics

Mit Autor Bill Mantlo ersann Pérez White Tiger, den ersten lateinamerikanischen Superhelden im US-Comic-Mainstream. Bereits 1975 begann Pérez eine lange Strecke als Zeichner der „Avengers“-Hauptserie.

In den 1980ern wechselte er zu DC Comics, wo er mitunter die Missionen der Justice League illustrierte. Vor allem hauchte er zusammen mit Autor Marv Wolfman jedoch den Nachwuchshelden des Verlages in der Serie „New Teen Titans“ neues Leben ein.

Seine Wonder-Woman-Neudefinition hat bis heute Bestand

In den Abenteuern der jugendlichen Gehilfen von Batman, Wonder Woman, Flash und Co., DCs Antwort auf die wiedererstarkten X-Men, führten Pérez und Wolfman Figuren wie Cyborg, Starfire und Deathstroke ein, bis heute multimediale Fanlieblinge. Zudem machten sie aus Batmans Sidekick Dick Grayson, dem ersten Robin der Comic-Historie, den eigenständigen Helden Nightwing.

Stilbildende: Cover eines Sammelbandes mit Pérez’ Episoden für die Reihe „Wonder Woman“.Foto: DC

Pérez schwang sich mit seinen detailreichen, ausdrucksstarken Zeichnungen und seinen unverkennbaren Seitenlayouts zu einem der beliebtesten Künstler jener bedeutenden Ära des US-amerikanischen Heldencomics auf.

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1985 und 1986 inszenierten Pérez und Wolfman die aufsehenerregende Event-Serie „Crisis On Infinite Earths“, welche die fiktive Realität des DC-Universums neu startete – ein gewaltiger Einschnitt, der einen seither oftmals angewandten Mechanismus im Superhelden-Genre etablierte, mit dem der Kanon wieder vereinfacht werden soll.

Helden-Versammlung: Eine von Pérez gezeichnete Szene aus „Crisis on Infinite Earths“.Foto: DC

Nach dem Neustart des DC-Comic-Kosmos wurden die Anfänge von Batman, Superman und anderen neu interpretiert, ihre Herkunftsgeschichten neu erzählt.

George Pérez kümmerte sich ab 1987 als Meisterzeichner und bald auch Autor um die Neudefinition der Legende von Wonder Woman. Nicht nur sein charakteristisches Artwork an diesen Storys begeistert bis heute – Pérez prägte die Mythologie der berühmten Amazone in fünf Jahren so sehr, dass viele Elemente des Pérez-Runs noch immer Bestand haben, etwa die moderne Inkarnation von Wonder Womans bestialischer Feindin Cheetah oder Dianas göttlicher Erzfeind Mars.

Schon 2017 bezeichnete Patty Jenkins, Regisseurin der ersten beiden „Wonder Woman“-Filme mit Gal Gadot, Pérez’ Comics in einem Interview als wichtigen Einfluss ihrer Adaption, speziell was die Interaktion zwischen Amazonen und Göttern anbelangt.

Cover des Sammelbandes von „Marvel Must-Have: Infinity Gauntlet“, der ebenfalls die Handschrift von Pérez trägt.Foto: Marvel/Panini Comics

In den 1990ern hinterließ Pérez dann wieder seinen Fußabdruck im Marvel-Universum. Mit Autor Jim Starlin und anderen präsentierte er die kosmische Saga „Infinity Gauntlet“, worin der schurkisch-verrückte Titan Thanos die Hälfte allen Lebens im Universum von Spider-Man, Dr. Strange und dem Rest der Marvel-Recken auslöschte – 30 Jahre später ein zentrales Motiv der Filme „Avengers: Infinity War“ und „Avengers: Endgame“, zwei der bislang erfolgreichsten Blockbuster aller Zeiten.

Apropos: Mit Autor Kurt Busiek tat sich Pérez Ende der 1990er überdies für einen Neustart der „Avengers“-Serie zusammen, die sie rund drei Jahre gestalten sollten.

Ein Comic-Gigant möchte Lebwohl sagen

In einem halben Jahrhundert widmete sich Pérez als Zeichner oder Autor noch vielen anderen Helden: Black Widow, Batman, Superman, den Fantastic Four, Green Arrow, dem Silver Surfer, den Inhumans, Man-Wolf, Green Lantern. 2014 stellte der Altmeister beim Verlag Boom! Studios auf den Seiten seiner unabhängigen Serie „Sirens“ darüber hinaus seine eigene Science-Fiction-Heldinnen-Truppe vor.

Sammlerstück: Das Cover der von Pérez gezeichneten Crossover-Reihe „JLA/Avengers“.Foto: DC/Marvel/Panini Comics

2003 und 2004 realisierten Pérez und Busiek sogar das verlagsübergreifende Crossover „JLA/Avengers“, in dem die beiden beliebtesten Teams von DC und Marvel aufeinandertrafen. Alleine aufgrund dieser Ausgangslage ein Highlight für Fans, das allerdings seit 2008 nicht mehr nachgedruckt wurde.

[Redaktioneller Hinweis: Viele Comics von George Pérez erscheinen auf Deutsch im Panini-Verlag, für den unser Autor Christian Endres als Redakteur arbeitet. Er betreut dort unter anderem die „Teen-Titans“-Sammelbände und hat auch das Vorwort zu „Marvel Must-Have: Infinity Gauntlet“ geschrieben.]

Weshalb infolge von Pérez’ jetzt veröffentlichter Botschaft in den Sozialen Medien der Ruf nach einer Neuausgabe laut wird. Marvel und DC, so der Tenor vieler Posts und Tweets, sollen ihr Konkurrenzdenken doch bitte überwinden und schleunigst eine Neuedition von „JLA/Avengers“ produzieren, deren anteilige Honorar-Tantiemen George Pérez und seiner Familie in dieser schweren Zeit helfen könnten.

„Passt auf euch auf – und danke“

Pérez, der von anderen Kreativen und Freunden als sympathischer, bescheidener Mann beschrieben wird, beendete die Mitteilung zu seinem Krankheitsstatus übrigens mit den Worten: „Passt auf euch auf – und danke.“ Außerdem hofft der Künstler, dass er trotz seines Zustands noch eine letzte große Signierstunde auf einer Comic-Messe abhalten kann.

Seine Unterschrift, so Pérez, kriege er auch mit einem Auge hin, und er würde gern noch möglichst viele Comics signieren, sich mit so vielen Fans wie möglich fotografieren lassen und sie umarmen, um seinen Abschied ein wenig leichter zu machen. „Ich möchte einfach nur in der Lage sein, sowohl lachend als auch weinend Lebwohl zu sagen.“