„Was du machst, ist genial“ : Bei Stefan Raab wird der ESC zur Chefsache
Im Vorstellungsfilm für „Chefsache ESC 2025“ wird die 25-jährige Janine als Modestylistin, weniger als Sängerin vorgestellt. Um in die Vorauswahl zum European Song Contest zu kommen, hatte sich die Berlinerin zuvor bei Stefan Raab mit einem kleinen Smartphone-Video beworben, entstanden in einem japanischen Hotelzimmer. Da war sie gerade mit ihrem Freund auf Weltreise.
An diesem Freitagabend schwebt die Frau mit den langen blonden Locken auf einer Blumenschaukel über der Bühne und singt leise, aber eindringlich „Can’t Help Falling In Love“ von Elvis Presley – das Publikum im Saal in Hürth scheint kollektiv die Luft anzuhalten.
Janine ist an diesem Abend die große Außenseiterin. „Es ist dein erster Auftritt ever auf großer Bühne?“, fragt Stefan Raab und Janine sagt leise „Ja“. „Ich fand das total bezaubernd, du hast mal einen Ton versemmelt, aber unwesentlich. Diese Amateurhaftigkeit im positiven Sinne fand ich total spannend“, sagt der Chefjuror. „Mich hat das zum Nachdenken gebracht und ich würde dir raten, unbedingt weiterzumachen.“
„Süß war sie auf jeden Fall“, sekundiert Mitjuror Elton. „Mit so einem weißen Kleid haben wir ja auch schon mal gewonnen“, erinnert an er Nicoles ESC-Sieg von 1982, bevor Raab nachlegt. Zwischendurch habe er diesen Marilyn-Monroe-Moment gehabt und an deren gehauchtes „Happy Birthday, Mr. President“ gedacht.
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Dabei war allen schon zu diesem Zeitpunkt klar, dass die junge Frau aus Berlin kaum zu den sieben von zwölf Acts gehören würde, die auf dem Weg zu ESC-Teilnahme in Basel eine Stufe weiterkommt. „Wir hatten beschlossen, es einfach nur zu genießen“, hatte Moderatorin Barbara Schöneberger sie nach ihrem Auftritt in den Arm genommen. Doch das machte nichts; Janine war überglücklich, das Publikum gerührt.
Ihr habt großen Mut bewiesen, einen solchen Kack-Song zu nehmen. Ihr wolltet zeigen, dass man aus Scheiße Gold machen kann. Das gefällt mir.
Jury-Chef Stefan Raab begeistert sich für das Spektakel der Nürnberger Metal-Band Feuerschwanz, die am Freitag eine Runde weiterkam.
Stefan Raab zeigte bei Janine jedenfalls ein weiteres Mal, dass er zwar Kritik üben kann, dabei aber anders als ein Dieter Bohlen nie verletzend wird. Ihm geht es sichtlich um die Musik und nicht um sein Ego, auch wenn die Suche nach dem nächsten deutschen ESC-Kandidaten für den ganz großen Auftritt im Mai in der Baseler Jakobshalle als „Chefsache“ tituliert wird.
Raab kann durchaus Kritik, so wie bei der Berlinerin Enny-Mae mit „Arcade“, die mit einer opulenten Bühnenshow zum Vorentscheid gekommen ist. Doch für Raab war die Performance an ein paar Stellen etwas „flat“. „Das ist noch Luft nach oben“. Oder wie Max Mutzke sagte: „Alles sehr mutig, aber vielleicht nicht der richtige Style.“
Um die deutsche ESC-Beteiligung hat sich der Kölner Stefan Raab tatsächlich verdient gemacht. Daran erinnerte Sänger Max Mutzke – der an diesem Abend zugleich Raab, Elton und Yvonne Catterfeld als Gastjuror mit seinen profunden Kommentaren unterstützte – zu Beginn der rund dreistündigen Prime-Time-Sendung mit einem Medley. „Satellite“, mit dem Lena Meyer-Landrut 2010 den ESC gewann, das von Raab komponierte „Guildo hat Euch lieb“ und Raabs eigener ESC-Song „Wadde hadde dudde da“ von 2010. Mutzke verdankte seine ESC-Teilnahme ebenfalls dem Raabinator.
Wieder einmal soll es also Raab mit seinem Gespür für den massentauglichen Musikgeschmack richten. Denn auch wenn Isaak 2024 mit „Always On The Run“ immerhin den 12. Platz belegte, hatte es davor für Deutschland unter alleiniger NDR-Regie zu häufig nur zu letzten oder vorletzten Plätzen gereicht.

© RTL+
Nun also „Chefsache ESC 2025“. Und der Chef ist Stefan Raab. Der NDR, der in diesem Jahr zum letzten Mal innerhalb der ARD für den ESC verantwortlich ist, kooperiert dafür mit dem Privatsender RTL, bei dem Raab unter Vertrag steht. Vor 15 Jahren war dies noch der „TV total“-Heimatsender ProSieben.
Die Erwartungen an „Chefsache ESC“ war im Vorfeld gemischt. Raabs Erfahrung und sein Gespür für Talente wurden gelobt, die Zusammensetzung der Jury jedoch kritisch gesehen. Vor allem an Eltons Expertise gab es Zweifel. Aber auch das Konzept muss erst überzeugen. Lena Meyer-Landrut musste sich 2010 immerhin in acht Live-Shows durchsetzen, bevor sie nach Oslo fahren durfte.
„Mich interessiert nichts weniger als Platz Eins, sonst muss man es erst gar nicht machen“, das sei so wie bei der Teilnahme an einer Fußball-WM, formulierte Raab zu Beginn der RTL-Show seinen Anspruch. Ob das Auswahlverfahren zünden kann, wird man allerdings erst nach dem Vorentscheid-Finale am 1. März wissen.
Denn auch das TV-Comeback von Raab im September 2024 verlief absolut nicht wunschgemäß. Mit der Show „Du gewinnst hier nicht die Million bei Stefan Raab“ sollte der Entertainer zum Zugpferd für den Streamingdienst RTL werden. Doch die Zahlen gingen nach einem vielversprechenden Start schnell zurück. Seit Februar läuft die Sendung bei RTL auch im Free-TV.
Für den ESC-Vorentscheid haben Raab und seine Helfer aus 3281 Bewerbungen 24 Acts ausgewählt. Sie müssen sich zunächst in zwei Vorentscheidungen und einem Halbfinale vor der Jury behaupten (jeweils bei RTL), bevor dann am 1. März im großen Finale in der ARD das Fernseh-Publikum entscheidet, wer für Deutschland nach Basel fährt.
Aus welcher Runde der nächste deutsche ESC-Teilnehmer oder die ESC-Kandidatin stammen wird, wurde am Freitagabend jedoch schnell zur Nebensache, denn die Show selbst trat immer mehr in den Vordergrund.
Die musikalische Bandbreite reichte von Pop bis zu R&B, von Hiphop bis zu Metal und von Soul bis zu Rock. Ein ESC im Kleinen, oder wie Yvonne Catterfeld nach dem Auftritt von Equa Tu mit seinem sprachakrobatischen Song „Gaga“ sagte: „Gute Laune, gute Message. Solche Künstler brauchen wir in Deutschland, nicht nur beim ESC.“
Zuvor hatte es Max Mutzke bei der 30-jährigen Cage aus Köln vom Sessel gerissen. „Ich liebe es so sehr, mich hast du voll erwischt. Das ist das mit Abstand Beste, was ich seit langem gehört habe“, begeisterte sich der ehemalige ESC-Teilnehmer.
Am Ende war der Freitags-Vorentscheid der erfrischendste und unterhaltsamste ESC-Auswahlabend seit Jahren. Und dabei geht es am Samstagabend um 20.15 Uhr bei RTL noch weiter.