Ungeschönt, unverklärt, brutal: Lady Macbeth von Mzensk an der Komischen Oper
Nichts, aber wirklich gar nichts Tröstliches lässt Barrie Kosky an Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk. Das Bühnenbild von Rufus Didwiszus ist minimalistisch, Victoria Behrs Kostümierung hat etwas funktionalistisch Nüchternes.
Ein Setting wie eine neutrale Leinwand, auf der im Grunde jede Geschichte erzählt werden könnte. Doch die Protagonistin Katerina Lwowna Ismailowa, mit Ambur Braid spektakulär besetzt, singt schon eingangs mit beinahe unerträglichem Tremolo von ihrem Dahinwelken in einer zutiefst gefühlskalten Welt – da hat die Tragödie ihren Lauf noch gar nicht genommen.
Der fatale Abwärtsstrudel beginnt erst, als Katerinas Gatte, der allem Anschein nach in jeglicher Hinsicht impotente Sinowi, verreist ist. Als sich die vereinsamte Katerina in eine leidenschaftliche Affäre mit dem Arbeiter Sergej stürzt, blitzt hier erstmals so etwas wie zwischenmenschliche Zärtlichkeit auf.
Liebe ist in dieser Welt aber nicht vorgesehen, und so führt die Entdeckung der Affäre durch den Schwiegervater, Boris, zum ersten Mord Katerinas: Dem mächtigsten Mann des Hauses, der dank Dmitry Ulyanovs Bass mehr nach autoritärem Verwaltungsbeamten klingt als nach einem künstlich überzeichneten Bösen, serviert sie ein leckeres Pilzgericht mit Rattengift.
Liebe, die ins Verderben führt
Ihr zweites Opfer wird der Gatte Sinowi, mit Elmar Gilbertsson passgenau besetzt, der überhaupt nur ein einziges Mal in der Geschichte so etwas wie einen eigenen Willen entwickelt, als er seine Frau zur Strafe für den Ehebruch prügelt. Das dritte Opfer wird eine junge Frau im sibirischen Straflager, wohin die mordenden Ehebrecher zur Strafe schließlich verbannt werden. Es ist die Neue ihres dann Ex-Liebhabers Sergej.
Der erste Mord ist ein Tyrannenmord – sicher die erste Red Flag für den Diktator Josef Stalin, der 1936 die international bereits äußerst erfolgreiche Oper von allen russischen Bühnen verschwinden ließ. Der zweite wäre als Totschlag in Notwehr verhandelbar. Der dritte schließlich ist nichts als die sinnlose Tat einer am Ende gebrochenen, apathisch gewordenen Protagonistin, die sich anschließend selbst das Leben nimmt.
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Im Detail hätte die Inszenierung vielleicht die ein oder andere Geste der Solidarität zwischen den geschundenen Frauen zugelassen. Eine von ihnen, die von Mirka Wagner gespielte Aksinja, wird das Opfer einer grotesken Massenvergewaltigung, die eben von Katerina, hier noch ganz Hausherrin, per Machtwort beendet wird. Statt sich der Geschundenen anzunehmen, widmet sich die Protagonistin aber Sergej, einem der Täter, dem der strahlende Tenor von Sean Panikkar hervorragend steht. Überhaupt dient die Vergewaltigungsszene weniger dem Fortkommen des Narrativs als dem bloßen Aufbau eines zutiefst frauenfeindlichen Grundsettings.
Was bringt die „russische Seele“ den Gefangenen auf dem Marsch nach Sibirien?
Es wäre also möglich gewesen, wie in mancher anderen Inszenierung, vereinzelt das Gute im Menschen aufblitzen zu lassen, das unerträgliche Bühnengeschehen ein wenig mit dem Publikum zu versöhnen. Dass Barrie Kosky konsequent darauf verzichtet, ist aber die große Stärke seiner Inszenierung. Was bringt die Liebe in einer zutiefst liebesfeindlichen Welt? Was die gerne sentimental verklärte russische Seele den Sträflingen auf dem Fußmarsch nach Sibirien?