„Ich entferne mich immer mehr vom Spektakel“: Designer Johannes Boehl Cronau zeigt ein letztes Mal in Berlin

Wer neun Tage vor der Berliner Modewoche in die Verlegenheit kommt, zu einer Verabredung mit Johannes Boehl Cronau zu früh zu erscheinen, der muss warten. Der Modedesigner ist gerade noch am Telefon und wohl auch sonst ziemlich beschäftigt. Am Freitag, zum Auftakt der Fashion Week, wird er seine neueste Kollektion präsentieren, und üblicherweise bedeutet das: Stress.

Als er fertig telefoniert hat und bereit ist, über seine Arbeit zu sprechen, nimmt er hinter einem überdimensionalen schwarzen Schreibtisch Platz – viel mehr steht nicht in seinem geräumigen, hellen Arbeitszimmer, das Teil eines ebenso geräumigen und hellen Ateliers in Berlin-Mitte ist. Er schaut erwartungsvoll und wirkt tiefenentspannt.

 „Ich finde Geschmack nicht uncool“, sagt Boehl Cronau.

© Nils Unterharnscheidt

Geboren und aufgewachsen ist er 1989 in einer ländlichen Region in Hessen. Nach dem Abitur absolvierte er zunächst ein Praktikum bei einem Frankfurter Inneneinrichter, dann ein Grundkursstudium in Kunst an der Pariser Parsons-Universität. Über Umwege landete er bei der Mode und schloss in dem Fach den Bachelor mit Auszeichnung ab. Es folgte ein Praktikum bei Haider Ackermann, dann ein Master in Damenmode an der renommierten Central Saint Martins University in London.

Für die Gründung des eigenen Labels zog er 2019 zurück nach Paris. „Ich finde Geschmack nicht uncool“, sagt Boehl Cronau und meint damit das ästhetische Selbstverständnis der französischen Hauptstadt. Ihm gefalle die Idee von Luxus und von Teuer: „Nicht um des Teuer-Seins willen, aber nach sechs, sieben Jahren, in denen ich selbstständig bin, verstehe ich, warum etwas einen gewissen Preis haben muss.“

Die Rückkehr nach Deutschland, der Umzug nach Berlin, ist dann eine dieser Corona-Entscheidungen: Die Berliner Wohnung der Schwester ist gerade frei – und warum nicht? Kurzerhand sucht er sich ein Studio und bleibt.

Rückblickend sagt er, dass dieser Schritt wichtig gewesen sei; er wäre sonst im allgemeinen Strudel der Branche untergegangen. Berlin eigne sich dafür ganz gut als Ort, an den man als Kreativer flüchten könne. Die Stadt biete genug Raum und Zeit, sich auf das Wesentliche zu fokussieren. „Man kann sich hier auf seine Arbeit konzentrieren, wenn man möchte.“

Jetzt ist er also hier und eigentlich ganz glücklich. Auch seine zweite Show – das stellt sich eine Woche später heraus – gehört inhaltlich wieder zu den stärksten, die die Berliner Modewoche zu bieten hat. Trotzdem zweifelt er. An der Zukunft seiner Arbeit und an dem System.

Ioannes, Credit: Nils Unterharnscheidt
Boehl Cronau weiß: Mit den ganz Großen der Branche kann er nicht mithalten.

© Nils Unterharnscheidt

Eine konkrete Antwort auf die Frage, wie diese aussehen könnten, sei aktuell noch schwer zu formulieren. Es handle sich dabei auch um innere Konflikte, mit denen er nicht allein sei. Viele kleinere beziehungsweise unabhängige Labels stünden dieser Tage vor dem Scheideweg. Die Feststellung, dass das Geschäft, so wie es einst war, nicht mehr funktioniere, sei geteilte Realität, sagt er: „Trotzdem schlagen sich alle individuell mit dem Problem herum.“

Für ihn sei es zunächst das Wichtigste, sich zuzugestehen, dass er mit den ganz Großen der Branche nicht mithalten könne. Eine Konsequenz aus diesem Zugeständnis sei, dass sich auch die traditionelle Routine – die halbjährliche Arbeit an Kollektion, Präsentation, Verkauf und so weiter – nicht mehr lohne. „Ich kann jetzt schon sagen: Das ist das letzte Mal, dass ich eine traditionelle Show organisiere, und das ist das letzte Mal, dass ich eine traditionelle Kollektion zeige.“

Der Traum vom Atelierhaus

Letztendlich seien Modenschauen Messepräsentationen im herkömmlichsten Sinne, sagt er. „Wir zeigen unsere neue Kollektion, in der ersten Reihe sitzen Einkäufer, die im besten Falle Sachen kaufen. Die Realität in Berlin ist allerdings eine andere. Letztendlich bauen wir hier eine Plattform für Gäste. Sie kommen zu unserer Show und stellen sich dar. Wir sind hier nicht an den Markt angebunden, wir müssen trotzdem nach Paris fahren, um unsere Sachen zu verkaufen.“

Für Aufmerksamkeit, Sichtbarkeit und das Ego sei eine solche Show natürlich wichtig, und er sei dem Land Berlin auch sehr dankbar, dass er unter anderem finanzielle Unterstützung erfahre. Wirtschaftlich sei das aber nicht.

„Ich hatte immer schon den stillen Traum, ein Atelierhaus zu führen“, verrät er. Ähnlich wie Coco Chanel: „Im Erdgeschoss ist die Boutique, im ersten Stock der Showroom, im zweiten Stock das Atelier und unter dem Dach meine private Wohnung.“ Es sei wohl abwegig, dass sich der Traum in dieser Dimension erfülle, grundsätzlich gehe es ihm aber darum, seine Arbeit wieder auf das Wesentliche, das Ursprüngliche, das Handwerkliche, zurückzuführen.