S. Fischer Verlag zieht nach Berlin: Den Büchern wieder gesellschaftliche Resonanz verschaffen
Der eine oder die andere mag sich noch erinnern an die Aufregung, als der Suhrkamp Verlag entschied, namentlich die damalige Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz, im Jahr 2010 seinen Sitz von Frankfurt am Main nach Berlin zu verlegen.
So viel Tradition, so viel Renommee, so viel Frankfurt – und dann sollte es plötzlich nach Berlin gehen, wo der Geist so heftige wehte und die Laborsituation so großartig war, wie Unseld-Berkéwciz damals orakelte, von wegen der Nähe nach Osteuropa.
Das ist lange her, Suhrkamp ist zu Hause in Berlin, was fast schon eine Selbstverständlichkeit ist. Insofern hält sich jetzt die Aufregung in Grenzen darüber, dass der im Grunde nicht weniger traditionsreiche, nur die Geisteskultur der alten Bundesrepublik nicht ganz so wie Suhrkamp bestimmende, lange vor Suhrkamp 1889 in Berlin gegründete Verlag S. Fischer seinen Hauptsitz von Frankfurt nach Berlin verlegt. Um sich, wie es in einer Pressemitteilung heißt, „strategisch für die Zukunft“ auszurichten.
Konkret bedeutet das, dass alle verlegerischen und marktnahen Bereiche des Verlags in Berlin gebündelt werden, neben der Geschäftsführung insbesondere das Marketing, der Vertrieb sowie die Presse- und Veranstaltungsabteilungen.
Dadurch würden die „Entscheidungswege verkürzt, die Zusammenarbeit zwischen Programm und Vermarktung intensiviert und die Präsenz des Verlags im kulturell und gesellschaftlich attraktiven Umfeld Berlins gestärkt“ werden, so der zum Holtzbrinck-Konzern gehörende S. Fischer Verlag.
Ein Büro unterhält der Verlag schon lange in Berlin-Mitte. Es lag erst in der Grünstraße, dann in der Rosenstraße, und auch die Programmleitungen operieren schon eine Zeit lang von Berlin aus. Von dem Geist, der Ulla Unseld-Berkéwicz damals an Berlin so beeindruckte, ist jetzt auch in der Begründung des S. Fischer Verlags die Rede. Es ist allerdings unter anderem auch der Geist des Verlagsgründers Samuel Fischer, seine „anspruchsvolle, fortschrittliche Geisteshaltung“.
Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit
So schreibt die S. Fischer-Chefin Christina Dohmann: „Diesem Geist fühlen wir uns zutiefst verpflichtet. Die Rückkehr nach Berlin ist für uns deshalb Anknüpfungspunkt und Aufbruch zugleich, sie lässt uns die Geschichte der S. Fischer Verlage genau dort fortschreiben, wo heute die wichtigen Debatten um die Zukunft unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft geführt und Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit gefunden werden müssen.“
Wichtige Debatten, drängende Fragen unserer Zeit, Strategien für die Zukunft, das klingt ebenfalls nach Unseld-Berkéwciz. Die Zeiten ändern sich dann halt doch nicht so. Oder besser: die formvollendet formulierten Begründungen für solche Umzüge. Man kann davon ausgehen, dass der Umzug natürlich auch ökonomische Gründe hat, zumal die Attraktivität von Berlin nicht gerade besonders hoch ist und die offensichtlich immer dysfunktionaler werdende Hauptstadt mehr Ab- als Zugänge verzeichnet.