„Mother Mary“ im Kino: Anne Hathaway als heimgesuchter Popstar
Es könnte kaum besser laufen für Anne Hathaway. Gerade erst hat „Der Teufel trägt Prada 2“ alle ohnehin schon sehr hohen Erwartungen übertroffen, was den Erfolg an den Kinokassen angeht, im Juli folgt mit Christopher Nolans „Die Odyssee“ ein weiterer Blockbuster. Auch im Spätsommer und Herbst erscheinen Projekte der Oscar-Gewinnerin, darunter die Bestseller-Verfilmung „Verity“. Mit 43 Jahren steht Anne Hathaway am vorläufigen Höhepunkt ihrer Karriere. Das Beste aber: Das Internet mag sie wieder.
Das war lange nicht der Fall, Anne Hathaway galt als peinlich, zu bemüht, ein typisches „Theater Kid“. 2011 moderierte sie gemeinsam mit James Franco die Oscars, es wurde ein episches Desaster: Franco als unmotivierter Stoner neben Hathaways fast manischer Energie.
Auch als sie 2013 den Oscar für ihre Rolle im Musical „Les Misérables“ gewann, waren viele von ihrer Dankesrede abgeturnt: zu aufgesetzt, zu pseudo-enthusiastisch. Sogar das Wort „Hathahate“ wurde erfunden, um dieses Phänomen des Internethasses zu beschreiben. Blickt man heute darauf zurück, kommt einem das alles recht absurd vor – und misogyn konnotiert.
Heute gilt „cringe“ aber ohnehin als cool, eine gewisse Ernsthaftigkeit ist angesagter denn je, und Anne Hathaway ist plötzlich „Mother“, ein aus der queeren Subkultur übernommener Internet-Slang für eine Ikone. Hathaway selbst sieht die positiven Memes mit einer gewissen Skepsis: „Ich bin erleichtert, dass ich mich vorerst nicht mit der negativen Seite auseinandersetzen muss“, erzählte sie kürzlich der „New York Times“. „Aber ich glaube, beides hat mir gezeigt, dass es wahrscheinlich am besten ist, eine gewisse Distanz zu all dem zu wahren.“

© Leonine Studios / Eric Zachanowich
In „Mother Mary“ spielt Hathaway jetzt einen Popstar, der von einem Geist heimgesucht wird. Es ist ein kleinerer, merkwürdiger Film zwischen all den Blockbustern. Regisseur David Lowery ist bekannt für seine sehr eigene Filmsprache. In „A Ghost Story“ etwa verdeckte er seinen Star Casey Affleck fast den ganzen Film über mit einem weißen Laken, arbeitete mit extrem langen Einstellungen und schuf so ein zutiefst eigentümliches, originelles Werk.
Nahaufnahmen von ausdrucksstarken Gesichtern
Der Geist in „Mother Mary“ ist rot und deutlich glamouröser. Anne Hathaway spielt den titelgebenden Popstar, dessen echten Namen wir nie erfahren. Sie wirkt verstört, als sie bei ihrer ehemaligen Weggefährtin Sam Anselm (Michaela Coel) auftaucht. Die designte einst die Kostüme für Mother Mary und ist heute erfolgreiche Modedesignerin, die ihr Atelier in einem düsteren Landhaus in der Nähe von London hat – gedreht wurde in Deutschland.

© Leonine Studios / Frederic Batier
Immerhin sind die Konzertszenen beeindruckend, und die Songs von Mother Mary hören sich an wie echte Popsongs. David Lowery hat für „Mother Mary“ die Avengers der alternativen Popszene zusammengetrommelt: den Produzenten Jack Antonoff, bekannt für seine Kollaborationen mit Taylor Swift oder Lana Del Rey, Hyperpop-Queen Charli xcx und FKA Twigs, die auch selbst einen Gastauftritt im Film hat und einen ihrer unveröffentlichten Songs gespendet hat.
Und Anne Hathaway? Die weint, singt und tanzt sich durch diesen Film mit zunehmender Verzweiflung. Es macht großen Spaß, ihr dabei zuzuschauen, auch wenn man sich ein wenig anstrengen muss, um ihr den edgy Popstar mit tätowierten Händen abzunehmen – zu präsent ist doch noch ihr Streberinnen-Image. „Pop ist mühelose Kraft, was nicht wirklich mein Ding ist“, sagte sie der „New York Times“. „Bei mir geht es immer um Mühe.“ Auch wenn „Mother Mary“ nicht auf ganzer Linie funktioniert: „Mother“ ist Anne Hathaway trotzdem.