Was tun mit kolonialen Bibliotheksbeständen?: Ein gut gemeinter Leitfaden, der an selbstgerechter Sprache leidet

Der Deutsche Bibliotheksverband DBV hat eine Broschüre veröffentlicht: „Koloniale Kontexte in Bibliotheken“ (kostenlos beim DBV herunterzuladen). Es geht um den Umgang mit einem Teil unseres Erbes der Kolonialzeit: Romane, Berichte, Kolportagen oder Fotobände über die „Kolonien“ oder aus Kolonialkriegen. Wie sind etwa Fotobände mit „primitiv“-nackten Menschen entstanden, wie werden Bücher katalogisiert, die eventuell aus der Beute des „Boxerkriegs“ gegen China stammen, welche Bedeutung hatten sie einst, könnten sie heute haben, etwa in den Debatten um Klimawandel, Kulturkämpfe und Fluchtbewegungen.

Trotzdem muss man leider bezweifeln, dass dieser „Leitfaden“ mit seinen vielen interessanten Informationen jemals Leitkraft entfaltet. Denn er ist durchdrungen von einem Aktivisten-Deutsch, das in diesem Buch genauso wie an vielen Universitäten als post-, anti- oder dekolonial behauptet wird, tatsächlich aber eher der Selbstbestätigung der Autoren und Autorinnen dient, die „richtige“ Sache zu vertreten. Aus dieser Sicht sind die gigantischen Wissensdokumentationen in Archiven, Museen und Bibliotheken durchweg von illegitimen, kolonialen und postkolonialen Machtansprüchen „des Westens“ korrumpiert.

Was genau soll der Globale Norden sein?

Also wird behauptet, dass, Zitat: „Definitions- und Kategorisierungsprozesse einseitig vom ‚Globalen Norden‘ angestoßen wurden und den ‚Globalen Süden‘ als Wissensobjekt darstellten“. Doch wozu gehörten und gehören Russland, Sibirien und China, das Osmanische Reich, die Ausbeutung der Sami, Süd-Italiens oder Irlands, das mit Sklavenhandel mächtig gewordene westafrikanische Königreich Benin? Und lange schon hat die ethnologische Forschung herausgearbeitet, wie intensiv scheinbar unterworfene Gesellschaften Afrikas, Asiens, Australiens, Europas, Süd- und Nordamerikas und des Pazifik ihre Interessen verfochten, durchaus mitbestimmen, was wichtig und unwichtig ist.

Der Leitfaden sollte trotzdem nachdenklich machen. Es gibt so vieles, was dekolonisierend zu bedenken ist. So findet die Digitalisierung des Wissens der Welt meistens in lateinischen Schriftzeichen statt. Schon die arabische Schrift wird bisher zu wenig erfasst, ganz zu schweigen von Pali, Hebräisch, Thai etc. Die Schrift der Wissenserfassung ist aber gerade im anbrechenden KI-Zeitalter selbst ein Machtmittel.