Mit den Saiten singen: Zum Tod des Gitarristen Ralph Towner

Er hatte sich für das Klavier entschieden, ohne zu ahnen, dass die Gitarre ihn wählen würde. Die taktile Nähe des Instruments bei gleichzeitiger Reduktion der harmonischen Möglichkeiten und die verwirrende Anordnung der Töne auf dem Griffbrett, denen jede Lage eine andere Färbung verleiht – all das forderte Ralph Towner zu einer Sinnlichkeit heraus, die das Tasteninstrument ihm verweigerte. Während er als Pianist gediegenes Mittelmaß blieb, revolutionierte er die klassische Gitarre im Jazz – und die zwölfsaitige gleich mit dazu.

Towner, 1940 im Bundesstaat Washington geboren, hatte eine Klavierlehrerin zur Mutter und einen Trompeter als Vater. Als er 1958 an die University of Oregon zum Musikstudium ging, wo er auch das Komponieren erlernte, boten sich die geografisch brav nebeneinander liegenden 88 Tasten des Klaviers als vermeintlich natürliche Matrix der musikalischen Weltdurchdringung an.

Aufbruch nach Wien

Vielleicht steckte neben dem Willen, die aus reiner Neugier erworbene Gitarre zu bändigen, auch eine gewisse Abenteuerlust, sich nicht mit dem Vorgegebenen abzufinden. 1963 begab sich Towner, nachdem er als Autodidakt gescheitert war, zum Studium der klassischen Gitarre nach Wien zu Karl Scheit, damals einer führenden pädagogischen Instanz auf einem wenig respektierten Instrument mit schmalem Repertoire.

Ein Dreivierteljahr lang, erinnerte er sich, schloss er sich mehr oder weniger in seinem Zimmer ein und übte Tag für Tag ohne Sonntagspause zehn Stunden am Stück. Danach hatte er genügend Vertrauen in seine Fähigkeiten entwickelt.

Fünf Jahre später war er bereit, die Gitarristenstelle im neugegründeten Paul Winter Consort des namengebenden Sopransaxofonisten zu übernehmen, einer für den Folk- und Ethnojazz prägenden Band, aus der eine noch berühmtere Formation hervorging. Oregon – in der Ursprungsbesetzung mit dem Oboisten Paul McCandless, dem Tabla- und Sitarspieler Collin Walcott sowie dem Kontrabassisten Glen Moore – überlebte als Inbegriff eines feinnervigen Kammerjazz, der Ausflüge in die freie Improvisation nicht scheut, bis weit ins 21. Jahrhundert.

Furore machte er aber auch als Meister der zwölfsaitigen Gitarre. Sein Intro zu der Wayne-Shorter-Komposition „The Moors“ auf dem Weather-Report-Album „I Sing the Body Electric” (1972), melodisch glitzernd und rhythmisch funky, ist eine Legende.

Impressionistischer Klangreichtum

Noch intensiver hört man das nur noch im Intro zu „Nimbus“, dem Eröffnungsstück seiner ECM-Aufnahme „Solstice“ (1975) mit Eberhard Weber am Bass, Jon Christensen am Schlagzeug und Jan Garbarek an den Saxofonen und einer Querflöte. Das kraftvolle Album, ein Meilenstein im längst nicht mehr so aufregenden Katalog des Münchner Labels, hat heute Kultcharakter.

Während eine Twelve String gewöhnlich doppelchörig überwiegend im Oktavabstand gestimmt ist, experimentierte Towner in den Mittelstimmen mit abweichenden Intervallen, die eine orchestral wirkende, impressionistische Klangvielfalt eröffnen.

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