Dokumentarfilm „EPiC: Elvis Presley in Concert“: Der König schmachtet, der König schwitzt, der König stirbt

Mit gesenktem Haupt verharrt der Sänger ein paar Sekunden auf der Hinterbühne, ein letzter Moment der Kontemplation. Er trägt ein groteskes, weißes Kostüm voller glitzernder Pailletten, sein rechter Fuß vibriert nervös. Dann wechseln die dramatischen Bläsersätze von Richard Strauss’ Sonnenaufgangssinfonie „Also sprach Zarathustra“ einem zirkushaften Paukenwirbel. Bam-Bam-Bam-Bam!

Und Elvis Presley tritt durch den Vorhang, hinaus ins Scheinwerferlicht und den Jubel der Fans, die teilweise bei Burgern und Bier an langgezogenen Tischreihen sitzen, als befänden sie sich in einem Restaurant. Schmachtend singt er den Gospel „Glory, Glory, Hallelujah“, den die Abolitionistin Julia Ward im Amerikanischen Bürgerkrieg schrieb, um ihren schwarzen Glaubensgenossen die himmlische Erlösung vom Schmerz der Sklaverei zu versprechen. Welterschaffung und Gottesdienst: Darunter tut es der selbsternannte König des Rock’n’Roll nicht bei dieser Greatest Show on Earth.

So beginnt Baz Luhrmanns Dokumentarfilm „EPiC: Elvis Presley in Concert“, der sich auf die Spätphase des einstigen Rockabilly-Rebellen konzentriert. Von 1969 bis zu seinem frühen Tod mit 42 Jahren im Jahr 1977 gab er mehr als 1100 bombastische Konzerte in Las Vegas. Grundlage des Films sind 68 Kisten voller Konzertmitschnitte, die der Regisseur bei den Recherchen für sein Elvis-Biopic in einer Salzmine in Kansas entdeckte, wo das Warner-Studio sein Filmarchiv bombensicher lagert.

Elvis Presley in Baz Luhrmanns Dokumentarfilm "EPiC: Elvis Presley in Concert".  Copyright: 2025 Sony Music Entertainment.
Bekennender Nixon-Fan unter langhaarigen Hippies: Elvis Presley mit Begleitmusikern im Studio.

© 2025 Sony Music Entertainment

Elvis in seiner eigenen Sicht

Diesmal wird sein feuerwerksartiger Lebenslauf von Elvis selbst aus dem Off kommentiert, wobei Luhrmann nicht nur auf unzählige Radio-, Film- und Fernsehaufnahmen, sondern auch auf ein bislang unbekanntes 45-minütiges biografisches Interview aus Warners Salinen-Archiv zurückgreifen konnte. „Es wurde viel gesprochen und gesendet“, klagt Elvis anfangs in einem programmatischen Statement. „Aber nie aus meiner Sicht.“

Um dieses wahrhaft epische Leben in 97 Filmminuten fassen zu können, benutzt Luhrmann einen genialen Trick: Er zeigt die Karriere des Sängers vor Las Vegas in einem furiosen Schnelldurchlauf aus Konzert-, Pressekonferenz- und Selbstreflektionsschnipseln.

Elvis als Kind, das auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise in Tupelo, Mississippi, in einem Shotgun-Holzhaus aufwächst, ähnlich ärmlich wie die afroamerikanischen Baumwollpflücker nebenan. Elvis als Lastwagenfahrer, der in Memphis seine erste Platte als Geschenk für die geliebte Mutter aufnimmt. Elvis als Eckensteher, der den Musikproduzenten Sam Phillips belagert, bis der mit ihm im Sun-Studio frühe Hits wie „That’s All Right“ und „Blue Moon“ einspielt.

Elvis als Crossover-Pionier, der von Radiostationen boykottiert wird, weil er wie ein Schwarzer klingt. Elvis als Anführer eines Rock’n’Roll-Aufstands, dessen Platten verbrannt werden, weil sie angeblich zum Anstieg der Jugendkriminalität beitragen.

Elvis als US-Army-Rekrut im hessischen Wetteraukreis, der sich von seinen deutschen Fans versehentlich mit „Arrivederci“ verabschiedet. Und schließlich Elvis als Schauspieler, der ein Hollywoodstar wie James Dean werden möchte und es doch nur bis zu „lächerlichen Komödien“ (Eigeneinschätzung) bringt.

Die überzuckerten Auftritte seiner Las-Vegas-Endzeit waren lange selbst unter Elvis’ glühendsten Verehrern verpönt. Aber fürs „Comeback Special“ des Fernsehsenders NBC zwängte sich Elvis Ende 1968 noch einmal in seine hautenge schwarze Motorradfahrer-Lederkluft, um die gesellschaftskritische Ballade „In the Ghetto“ zu singen.

Höhenflug des Himmelsstürmers

Auch seine Konzerte im Imperial Hotel verströmen noch eine ungemeine Kraft, der Entertainer performt mit leidenschaftlich flatterndem Vibrato und zackigen Himmelsstürmer-Gesten im Fledermausdress. Am eindrucksvollsten zeigt Luhrmann diesen Höhenflug in einem taktgenau geschnittenen Potpourri aus verschiedenen Probe-, Studio- und Bühnen-Versionen der funky groovenden Ballade „Polk Salad Annie“.

Elvis Presley in Baz Luhrmanns Dokumentarfilm "EPiC: Elvis Presley in Concert".  Copyright: 2025 Sony Music Entertainment.