Lukasz Piszczek vergoldet sein nahendes Karriereende

Lukasz Piszczek schlug häufig Skepsis entgegen. Noch bevor der Pole sein erstes Spiel im Berliner Olympiastadion absolvierte, war in dieser Zeitung am 9. Juli 2007 eine Einschätzung zu seinen Chancen bei Hertha BSC zu lesen. „Stürmer Lukasz Piszczek hätte mit einem Stammplatz auf der Bank schon viel erreicht“, hieß es über den 22 Jahre alten Neuzugang von Zaglebie Lubin. Rückblickend muss man feststellen, dass diese Prognose nicht allzu gut gealtert ist. Als Offensivspieler hatte Piszczek tatsächlich einen schweren Start in der Bundesliga. Nachdem ihn Lucien Favre zum Rechtsverteidiger umschulte, gewann er in den folgenden 14 Jahren allerdings alles, was man in Deutschland gewinnen kann – und das stets als Leistungsträger.

Am Donnerstagabend fand seine Profikarriere einen krönenden Abschluss, passenderweise im Berliner Olympiastadion, also dort, wo 2007 alles begann. Mit Borussia Dortmund gewann Piszczek durch ein 4:1 gegen Rasenballsport Leipzig zum dritten Mal den DFB-Pokal. „Als ich meinen Vertrag verlängert habe, habe ich gesagt, ich würde noch gerne etwas mit dem BVB gewinnen“, sagte Piszczek. „Dieses Gefühl werde ich mein Leben lang im Kopf behalten.“

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Bei den Jubelarien nach Schlusspfiff standen nicht die Offensivkünstler Jadon Sancho, Erling Haaland oder Marco Reus im Mittelpunkt. Die Dortmunder herzten Piszczek, warfen ihn in die Luft, feierten ihn. Der mittlerweile 35-Jährige hat in elf Spielzeiten beim BVB alles erlebt, gewann zwei Mal die Meisterschaft, stand im Champions-League-Finale, lieferte sich denkwürdige Duelle mit Franck Ribéry und gehörte zwischenzeitlich zu den besten Außenverteidigern Europas. Dennoch überwältigte ihn die Situation.

Wie alles begann. 2007 wechselte Lukasz Piszczek aus seiner Heimat zu Hertha BSC.Foto: Mike Wolff, TSP

Piszczek hielt sich die Hände vors Gesicht und weinte. Es waren Tränen der Freude, der Dankbarkeit – und vielleicht auch ein bisschen vorgezogener Trennungsschmerz. Am Ende der Saison kehrt er zu seinem Jugendverein zurück, dem schlesischen Amateurklub LKS Goczalkowice-Zdroj. „Ich wollte mich so verabschieden, dass ich etwas mit nach Hause nehmen kann“, sagte Piszczek. „Nach dem Spiel war ich sehr emotional. Das wollte einfach raus und ich konnte es nicht bremsen.“

Piszczek feiert mit Trikot des verletzten Marcel Schmelzer

Dass der Pole noch einmal solch eine tragende Rolle beim BVB spielen würde, war vor einigen Wochen noch sehr unwahrscheinlich. Bis Mitte April wurde er in der Liga nie mehr als eine Halbzeit eingesetzt, doch zuletzt hat er sich wieder hineingebissen.

In den vergangenen sechs Spielen stand er stets in der Startelf – und im Pokalfinale hatte er mit seiner ganzen Erfahrung und Zweikampfstärke einen großen Anteil daran, dass Dortmund dem großen Leipziger Druck mit etwas Glück standhielt. „Er hat alles herausgeholt an Emotionen und an Leistung, um den Pokal noch mal in die Luft zu stemmen. Wir sind unglaublich glücklich, dass wir ihm das als Mannschaft ermöglichen konnten und dass er seine Karriere beim BVB mit einem Titel abschließen kann“, sagte Trainer Edin Terzic.

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Wie wichtig Piszczek nicht nur sportlich, sondern auch menschlich ist, zeigte sich im Moment des großen Triumphs. Während sich seine Mitspieler die Pokalsiegershirts überstreiften, zog Piszczek ein Trikot von Marcel Schmelzer an. Sein langjähriger Abwehrkollege hat verletzungsbedingt seit fast einem Jahr kein Spiel mehr bestritten und verlässt den BVB im Sommer ebenfalls. „Schmelle konnte das nicht mit uns auf dem Platz erleben und ich wollte ihm etwas zurückgeben, damit er das genießen kann“, sagte Piszczek.

Er selbst wird noch zwei Mal für den BVB auflaufen, bevor seine herausragende Zeit am Samstag kommender Woche mit seinem 468. Spiel im deutschen Profifußball endet. Das hätte wohl auch Lukasz Piszczek selbst nicht prognostiziert.