Julia Ducournaus neuer Spielfilm „Alpha“: Blutige Nadeln, gefährliches Virus
Ein tödliches Virus geht um. Es lässt die Infizierten langsam erkalten und versteinern, bis sie zu leblosen Marmorstatuen ihrer selbst geworden sind. Übertragen wird das Virus durch Körperflüssigkeiten.
Der Drogenabhängige Amin (Tahar Rahim), der gerade aus dem Gefängnis kommt, hat sich durch eine Nadel angesteckt. Seine Schwester (Golshifteh Farahani) ist Ärztin und nimmt ihn bei sich zu Hause auf. Im Kinderzimmer ihrer Tochter Alpha (Mélissa Boros) soll er clean werden.
Auch in die Haut der 13-Jährigen ist kürzlich eine Nadel eingedrungen: Als sie im Rausch einer Party halb weggetreten war, hat ein Junge ihr den Buchstaben A auf den linken Oberarm gestochen. Ihre Mutter versetzt das Tattoo in Alarmstimmung. Sie desinfiziert es, organisiert einen Tetanus-Booster – und weiß, dass nun zwei Wochen der Ungewissheit bevorstehen. Denn erst dann kann Alpha getestet werden.
Die französische Regisseurin und Drehbuchautorin Julia Ducournau beschwört in ihrem dritten Spielfilm sehr deutlich die Erinnerung an die Hochzeit der Aidskrise, ohne ihr Werk zeitlich genau zu verorten. Die Abwesenheit moderner Technik weist auf die späten Achtziger oder frühen Neunziger hin, doch geht es der 1983 geborenen Filmemacherin ohnehin nicht um eine historische Aufarbeitung, sondern darum, eine Atmosphäre von Angst und Ausgrenzung zu erschaffen.
Und das gelingt ihr immer wieder eindrucksvoll, etwa, wenn Alpha in der Schule zunehmend wie eine Aussätzige behandelt wird. Einmal greifen Mitschülerinnen sie im Schwimmunterricht an. Alpha stößt sich den Kopf und blutet, woraufhin sich das Becken schlagartig von kreischenden Jugendlichen leert. Ducournau inszeniert es mit einer aus dem Wasser auftauchenden Kamera wie eine Explosion.
Eher als Implosion zeigt sie das Schicksal eines schwulen Englischlehrers, der die offen homofeindliche Gedichtinterpretation eines Schülers in einer Szene noch halbwegs gefasst erträgt und an einem anderen Tag hinter seinem Pult in Tränen ausbricht. In der Klasse scheint allein Alpha ihn zu sehen und zu verstehen – sie hat ihn einmal zufällig mit seinem schon halbseitig versteinerten Partner in einem Wartezimmer getroffen.
Die Infizierten bewegen sich je nach Krankheitsstadium zunehmend unbeholfener, ähneln aber nie den von Aids Gezeichneten, die man von Filmen und Fotos der Epidemiezeit kennt. In „Alpha“ strahlen die Kranken und vor allem die Toten eine ganz eigene, würdevolle Schönheit aus, wobei nie ausgeblendet wird, wie schmerzhaft das Zu-Stein-Werden ist. Das damit einhergehende Verblassen der Haut scheint auch die Bilder erfasst zu haben, die in entsättigten Blau-Grau-Tönen gehalten sind. Die Rückblenden, die acht Jahre zuvor spielen, prägt hingegen ein warmes Orangerot.
Für die Verhältnisse von Julia Ducournau, die sich mit ihrem Debüt „Raw“ und dem grandiosen Cannes-Gewinner „Titane“ als Meisterin des Bodyhorrors etabliert hat, wirkt der als Familiendrama angelegte „Alpha“ fast schon zurückgenommen. Zwar gibt es einige an der Ekelgrenze angesiedelte Körper-Nahaufnahmen sowie eine an Zombiefilme erinnernde Sequenz mit Infizierten, die in ein Krankenhaus drängen, doch insgesamt interessiert sie sich diesmal stärker für die Psychologie und die Sehnsucht ihrer Figuren nach Verbindung.
Wie Zombies drängen sich Infizierte vor dem Krankenhaus
So fragt Alpha, die ohne Vater aufwächst, ihre Mutter nach ihrer Partyeskapade, ob sie sie noch liebt, und bekommt ein „Ich hatte einen langen Tag“ zurück. Dass Alpha durch ihre mögliche Infektion zu ihrer Quasi-Patientin wird, bringt die beiden näher zusammen – allerdings nicht auf die Weise, die Alpha sich wünscht.
Mit Amin bildet sie nach anfänglicher Ablehnung eine Art Außenseiter-Gemeinschaft, beide krümmen sich nachts im Kinderzimmer vor Schmerz auf ihren Matratzen. Den Moment der größten Nähe zwischen ihnen collagiert Ducournau anschließend aus euphorischen Szenen auf einem Fußballplatz und in einer Bar. Das ist wunderbar mitreißend, man wünschte nur, sie hätte nicht Nick Caves „Mercy Seat“ als Begleitmusik dazu gewählt. Wenn er „And I’m not afraid to die“ singt, ist das arg plakativ.