Toula Limnaios prägt die Berliner Tanzszene: „Ich muss eine Kraft spüren!“

Die Proben laufen gerade auf Hochtouren. Beim Jubiläumsfestival werden Choreografien von Toula Limnaios aus drei Dekaden präsentiert. Während ihre Assistentin gerade in den Eden Studios die Wiederaufnahme von „les possédés“ von 2009 vorbereitet, studiert Limnaios in der Halle Tanzbühne mit den Tänzerinnen Francesca Bedin und Amandine Lamouroux das Frauenduett „le temps d’après“ ein.

Es ist das älteste Stück dieser Retrospektive. Die Choreografin hat es 1997 in Brüssel kreiert und stand auch selbst auf der Bühne. Die Ausdruckskraft und körperliche Vehemenz, die die Stücke von Limnaios auszeichnen, sind in der Szene schon zu erkennen. Wenn Francesca Bedin mit dem Arm zum Schlag ausholt, prallt ihre Kollegin zurück. Auf den Impuls folgt sogleich die Reaktion; es entwickelt sich eine Art Zweikampf, obwohl die beiden mehrere Meter entfernt voneinander stehen.

Limnaios bespricht das Timing und die Dynamik mit den jungen Tänzerinnen. Zuvor hatte sie sie gefragt, ob sie etwas an der Choreografie ändern soll. Beide verneinten. „Sie wollen das genau so tanzen!“, freut sich Limnaios, die alle Bewegungen noch abrufen kann.

Kreative Höhenflüge und kulturpolitische Kämpfe

Die Erinnerungen kommen in diesen Tagen auf flinken Füßen. Zu sehen, wie die älteren Stücke von einer jüngeren Tänzergeneration neu interpretiert werden, ist für das Künstlerpaar Toula Limnaios und Ralf R. Ollertz beflügelnd. 1996 haben sie die Compagnie in Brüssel gegründet, schon 1997 folgte der Umzug nach Berlin. Anfangs erhielt die Gruppe Projektförderungen, seit 2014 wird sie institutionell gefördert.

Auf 30 Jahre voller kreativer Höhenflüge und kulturpolitischer Kämpfe können die Choreografin und der Komponist zurückblicken. „Ich habe in all diesen Jahren ganz viele Phasen durchlaufen“, sagt Limnaios. Die Compagnie habe sich gewandelt, neue Tänzer seien dazugekommen, ältere seien gegangen. „Aber unsere künstlerische Handschrift ist immer noch dieselbe.“

Sie haben durchgehalten, weitergemacht trotz aller Widerstände und immer nach vorn geschaut. Das war nicht immer leicht, erzählt Ollertz. „Es waren 30 Jahre voller Unsicherheit, verbunden mit Kampf und Respektlosigkeit, die man auch erlebte. Und gleichzeitig so viel Unterstützung, so viel Bewunderung, so viele Menschen, die uns begleitet und an unsere Visionen und Träume geglaubt haben.“

Tanzstücke
Foto: Toula Limnaios
Die Choreografin in Aktion. Toula Limnaios tanzt in „shifted realities“.

© Toula Limnaios

Im Jahr 2000 hatte das Paar die denkmalgeschützte Turnhalle in der Eberswalder Straße entdeckt und zu einer Spielstätte ausgebaut. Damals sind sie erhebliche finanzielle Risiken eingegangen. 2009 stand dann alles auf der Kippe. Das Areal, auf dem die Halle Tanzbühne steht, sollte verkauft werden. Limnaios und Ollertz dachten schon daran, Berlin zu verlassen. 2012 hat die Schweizer Stiftung Edith Maryon das Grundstück vom Liegenschaftsfonds erworben, um die kulturelle Nutzung langfristig zu sichern.

Fotos zum 30-jährigen Jubiläum von Toula LimnaiosHalle (c) cyan
Den Spielort hat sich die Compagnie in einer denkmalgeschützten Turnhalle in Prenzlauer Berg selbst geschaffen.

© CYAN

Jahn Architekten, die schon mit der Sanierung der Halle beauftragt worden waren, erbauen nun direkt nebenan eine neue Probebühne, ein Lagerhaus sowie ein mehrstöckiges Gebäude mit Gästewohnungen und Büroräumen. Gefördert wird das Bauvorhaben vom Land Berlin, dem BKM und der Lotto-Stiftung Berlin.

Fotos zum 30-jährigen Jubiläum von Toula Limnaios
Neubau (c) Jahn-Architekten
Eine Visualisierung der von Jahn Architekten entworfenen Probebühne mit Gästewohnungen und Büros.

© PR/Jahn-Architekten

Im nächsten Frühjahr soll der Neubau eröffnet werden. Dann können auch Berliner Gruppen und internationale Gäste die Probebühne nutzen. Und in der Halle können viel mehr Vorstellungen gespielt werden. Für Limnaios hat die flexible Struktur viele Vorteile. Denn bislang musste sie immer auf andere Probenräume ausweichen, wenn Gastkünstler eingeladen wurden.

Fotos zum 30-jährigen Jubiläum von Toula Limnaios
Baustelle c) Giacomo Corvaia
Im nächsten Frühjahr soll der hier entstehende Kulturkomplex der Compagnie Toula Limnaios fertig sein.

© Giacomo Corvaia

Aus der ehemaligen Turnhalle wird jetzt ein choreografisches Zentrum – die beiden können es kaum fassen. Dass sie das Projekt vorangetrieben haben, hängt auch mit dem europäischen Ensemblenetzwerk EUtopia zusammen, das sie 2022 ins Leben gerufen haben. Der künstlerische Austausch liegt ihnen sehr am Herzen. Ein wichtiger Partner ist die Compagnia Zappalà Danza aus Sizilien, die beim Jubiläumsfestival ihr Stück „Cultus“ zeigen wird.

Bei all diesen Unterfangen waren Limnaios und Ollertz immer sehr produktiv. An die 60 Werke sind mittlerweile entstanden. Allen gemeinsam ist die innige Beziehung zwischen Tanz und Musik. Anfangs waren die Einflüsse des Tanztheaters deutlich zu erkennen. Danach hat sie stärker abstrakte Werke entworfen und mit verschiedenen Materialien experimentiert: mit Erde, Wasser oder Papier.

Toula Limnaios, if i was real, 2013, zur Rekonstruktion 2025