Großer Sport, aber kaum Zuschauer

Auch am Sonntag, dem letzten Tag der Finals, hat es die großen Momente gegeben. Tränen vor Freude flossen beim Anhang der Schützengilde Ditzingen. Der letzte Schuss brachte die Entscheidung im Duell mit den Oberallgäuer Gauschützen. Die Zuschauer, die lange den Atem angehalten hatten, um die Konzentration der Schützinnen und Schützen nicht zu stören, jubelten. Und die Öffentlich-Rechtlichen waren mit ihren Streams und später in den Zusammenfassungen im Fernsehen mit dabei.

Die Finals sind die große Bühne für die ganz Kleinen im deutschen Sportkosmos. Gleichzeitig aber war in diesem Jahr das Olympiastadion eine viel zu große Bühne für die deutschen Leichtathletikmeisterschaften, die in die Finals eingebettet sind. So verteidigte etwa Olympiasiegerin Malaika Mihambo ihren Titel im Weitsprung vor trister Kulisse.

Das Stadion, das knapp 75.000 Menschen Platz bietet, war erschreckend leer. 2019, bei der ersten Ausgabe der Finals, waren an beiden Tagen der Leichtathletikmeisterschaften insgesamt etwas mehr als 60.000 Zuschauer ins Stadion gekommen. In diesem Jahr waren es nur ein Bruchteil davon.

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Sicher, die Akustik im Olympiastadion ist herausragend. Auch wenige Fans können eine schöne Atmosphäre schaffen; und Athleten wie der Deutsche Meister über 100 Meter, Owen Ansah, bezeichnen die blaue Laufbahn gerne als „magisch“. Dennoch sind weitgehend leere Ränge trist – für die Veranstalter wie für die Athletinnen und Athleten.

Auf der Suche nach den Gründen für den frappierenden Zuschauerrückgang hilft ein Anruf bei Frank Lebert. Der 61-Jährige verantwortete bis im vergangenen Jahr die Vermarktung im Deutschen Leichtathletikverband (DLV). Inzwischen arbeitet er in Südafrika unter anderem als Berater für das ambitionierte Radsportteam „Cycling Friends. „Die Leichtathletik“, sagt er, „hat in den vergangenen Jahren im Reagenzglas stattgefunden.“ Pandemiebedingt sei der unmittelbare Kontakt zu den Menschen abgebrochen. „Es hat eine Entemotionalisierung stattgefunden.“ Der Profifußball sei durch die Unterstützung der Politik noch glimpflich durch die Krise gekommen und habe seine Zuschauer halten können. „Die anderen aber nicht. Bei der Leichtathletik merken jetzt viele, die früher zu den Wettkämpfen gereist sind, dass es auch ganz gemütlich ist, das vor der Fernsehkiste anzusehen“, sagt Lebert.

TV-Quoten unter der Woche waren enttäuschend

Überhaupt das Fernsehen. Die Öffentlich-Rechtlichen sind die Mitbegründer und Treiber des Final-Formats. Sie berichteten an den vier Finals-Tagen rund um die Uhr in Streams und Fernsehen vom Kanu-Polo, 3×3-Basketball, Bogenschießen und vielem mehr. Ob sich der Personal- und Ressourceneinsatz lohnt, sei dahingestellt. Unter der Woche waren die Quoten recht enttäuschend, am Wochenende aus dem leeren Olympiastadion waren sie dagegen gut.

Im Fernsehen ist die Leichtathletik also immer noch ein Zugpferd im Finals-Format. Sonst aber nicht. Bei den ersten Finals 2019 sei der Druck bei den Verbänden, aber auch im Senat sehr groß gewesen, dass die Veranstaltung ein Erfolg wird, erzählt der damalige DLV-Marketingchef Lebert. Keine Kosten wurden gescheut, um die Finals und explizit die darin eingebetteten nationalen Leichtathletikmeisterschaften zu bewerben. In diesem Jahr gingen die gebündelten Meisterschaften vergleichsweise unter. Zudem stiftet der Begriff „Finals“ bei vielen Verwirrung. Was genau Finals sind, welche Sportarten darunter laufen, wissen die wenigsten.

Großen Zuspruch fanden dagegen die Wettbewerbe an jenen Sportstätten, die eine Laufkundschaft garantierten. An der East Side Gallery, am Brandenburger Tor oder am Neptunbrunnen, dort, wo der Eintritt kostenfrei und das Erlebnis nahbarer war als in der leeren Riesenschüssel Olympiastadion.

Es gibt in Deutschland sicher keine beeindruckendere Sportstätte als das Olympiastadion. Doch der Gigantismus des Baus ist nicht nur ein Problem für Hertha BSC, sondern auch für die Leichtathletik bei den Finals.