Ein bisschen zu unbedacht Heinrich Heine zitiert: Buchenwald-Verbände gegen Weimer-Auftritt bei Gedenktag
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer ist weiterhin in Bedrängnis. Am Wochenende wurde bekannt, dass er wohl alle Jurys, die zuständig sind für die vom BKM vergebenen Preise und Stipendien, genauer ins Visier nehmen will, so wie dieses Jahr erstmals die Jury des Deutschen Buchhandlungspreis allein von Weimers Behörde eingesetzt worden war. Nach dem Berlinale-Eklat, so zitierte der „Spiegel“ aus einem internen Mailverkehr, sei „die Frage der Jurybesetzungen und der Juryberufungen virulent geworden“ und so habe das BKM Mitarbeiter angewiesen, Mitglieder aller Jurys zusammenzustellen.
Zunehmend weniger Rückhalt in der CDU-Fraktion
Eine Sprecherin des BKM sagte, dies diene dem Überblick und Juryzusammensetzungen „bei Bedarf im parlamentarischen Raum zu erläutern“, erklärte sie. „Eine Überprüfung von einzelnen Jurymitgliedern hat bislang nie stattgefunden und ist auch in Zukunft nicht geplant.“
Dann weiß die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ an diesem Montag, dass der Rückhalt für Weimer in der CDU-Fraktion immer kleiner werde, nachdem am vergangenen Freitag im Bundestag auf Antrag der Linksfraktion über Weimers Entscheidungen beim Deutschen Buchhandlungspreis debattiert worden war: „Es ist eine merkwürdige Ruhe, von der noch nicht klar ist, ob der Sturm folgt – oder ob es nur noch darum geht, wann es so weit ist.“
Tatsächlich haben wir Sie und Ihre inhaltlichen Positionen in den vergangenen Jahren nicht so wahrgenommen, dass Sie sich mit dem Vermächtnis der Überlebenden von Buchenwald und anderer Lager positiv beschäftigt hätten.
Aus dem offenen Brief der beiden Buchenwald-Lagerverbände
Und jetzt haben zwei Buchenwald-Verbände Weimer in einem offenen Brief aufgefordert, auf einen Auftritt am 12. April beim Gedenken zur Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald zu verzichten, die Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora und die Lagergemeinschaft Buchenwald, deren Vorsitzende Katinka Poensgen und Horst Gobrecht den Brief unterzeichnet haben. „Tatsächlich haben wir Sie und Ihre inhaltlichen Positionen in den vergangenen Jahren nicht so wahrgenommen, dass Sie sich mit dem Vermächtnis der Überlebenden von Buchenwald und anderer Lager positiv beschäftigt hätten“, heißt es in dem offenen Brief.
Die Verbände werfen Weimer vor, er lasse es an tieferem Verständnis für KZ-Überlebende missen. „Mehrfach“ habe er ein Zitat von Heinrich Heine benutzt: „Der Taufzettel ist das Entréebillett zur europäischen Kultur“. Das wiederum bedeute „für viele der ehemaligen Häftlinge des Lagers Buchenwald – und auch uns als Nachkommen und politischen Nachfolgern von Überlebenden, dass wir aus Ihrer Sicht nicht zum Bereich der europäischen Kultur gehören“, heißt es in dem Brief.
Heine hatte sich im Juni 1825 in Heiligenstadt taufen lassen, um als Rechtsanwalt arbeiten zu können, (was Juden zu der Zeit nicht erlaubt war). Er schlug dann jedoch einen anderen Berufsweg ein und bekannte schon ein paar Monate nach der Taufe: „Ich bereue sehr, dass ich mich getauft hab‘.“
Tatsächlich braucht es nicht lang, um im Internet fündig zu werden, wie Weimer das Heine-Zitat einsetzt. Da findet sich beispielsweise ein Text aus dem Jahr 2013 für das Magazin „Schweizer Monat“, in dem Weimer vor dem kulturellen Untergang Europas warnt (Facebook, Pizza Hut etc.) und schreibt, dass auch „auf dem Feld der ethischen Kulturformen“ Europa „immer leiser“ werde.
Das habe einen bestimmten Grund: „Der Taufschein ist die Eintrittskarte in die europäische Kultur, wie einst Heinrich Heine – wenngleich polemisch – formulierte. Das Christentum aber wird seit einigen Jahrhunderten relativiert, bekämpft, letztlich aufgegeben. Mit diesem religiösen Masochismus tötet Europa seine kulturelle Urkraft.“ Vor dem Hintergrund eines solchen Kontexts wird der offene Brief gegen Weimers Auftritt in Buchenwald schon etwas klarer.