Zeitschleuse und Zukunftswerkstatt: Die Mendelssohn-Remise wird 20

Dieser Ort strahlt eine eigenartige, stille Kraft aus, vielleicht sogar Magie. Ein wenig überraschend öffnet sich der Saal im Hinterhof des ansonsten in klinischem Weiß gestrichenen Gebäudes Jägerstraße 51 in Mitte: Marmorsäulen stützen eine gemauerte Gewölbedecke, an den Wänden hängen Gemälde, Büsten etwa des Philosophen Moses Mendelssohn oder seines Enkels Felix Mendelssohn Bartholdy blicken in den Raum, Infotafeln bieten eine Fülle an Informationen auch zur städtebaulichen Geschichte dieses Quartiers in Gendarmenmarkt-Nähe.

Wer diese Dauerausstellung zur Geschichte der Familie Mendelssohn besucht, für den ist es, als würde sich eine Tür in die Vergangenheit öffnen, eine Art Zeitschleuse. Doch ist dies auch völlig Gegenwart: Da steht ein Flügel, Stühle reihen sich aneinander, Menschen unterhalten sich, das Posaunen-Ensemble Trombonata spielt auf: Dies ist ein lebendiger Vortrags- und Konzertsaal.

Das Posaunen-Ensemble Trombonata  bei der Jubiläumsfeier "20 Jahre Mendelssohn-Remise"
Das Posaunen-Ensemble Trombonata  bei der Jubiläumsfeier „20 Jahre Mendelssohn-Remise“ am 26. Februar 2026.

© Manfred Fuß

Wir stehen in der Mendelssohn-Remise. Hier wird an die einst für Berlin so prägende Familie erinnert, die Philosophen, Banker, Komponisten und Komponistinnen hervorgebracht hat. Eine Familie, die ursprünglich jüdisch war, in der später aber auch viele Angehörige zum Protestantismus und Katholizismus konvertierten – und die gerade in dieser schillernden Vermengung beispielhaft für die deutsch-jüdische Geschichte vor dem Holocaust steht.

Die Remise ist einer der wenigen Geschichtsorte, die noch authentisch erhalten sind und Zeugnis von den Mendelssohns geben können. Das Haus Spandauer Straße 68 etwa, wo Stammvater Moses Mendelssohn bis zu seinem Tod 1786 lebte, ist wie das ganze Marienviertel nach dem Zweiten Weltkrieg dem gänzlich unverhältnismäßigen, stadtfeindlichen, trostlos-großen Leerraum zu Füßen des Fernsehturms gewichen.

Auf den echten Spuren

Hier aber, in der Jägerstraße, kann man noch auf den echten Spuren wandeln. Einst reihten sich hier vier Häuser im Besitz der von Moses‘ ältestem Sohn Joseph gegründeten Bank aneinander (die Hausnummern 49-50, 51, 52 und 53), die Nummer 51 aber war als erstes entstanden. Dieses Jahr feiert die Remise, als Ausstellungs- und Veranstaltungsort 2006 gegründet, ihr 20-Jähriges. Doch es ist auch ein prekäres Jubiläum. Denn wie lange es die Remise noch geben wird, ist unsicher.

Das noch zweistöckige Haus Jägerstraße 51 in Berlin-Mitte um das Jahr 1892

© Mendelsohn Gesellschaft

In den 1920er Jahren war in der Remise eine Kantine untergebracht. 1939 kam das Ende der Mendelssohn-Bank, sie wurde in die Arisierung gezwungen und ohne Gegenleistung von der Deutschen Bank übernommen. Eine wenig rühmliche Rolle spielte dabei Hermann Josef Abs, damals Vorstandsmitglied der Deutschen Bank. Zu DDR-Zeiten diente der Saal erneut als Abstellplatz für Fahrzeuge, nur dieses Mal motorisierte: Er wurde als Garage genutzt.

„Als wir den Raum 2004 entdeckten, hingen Kabel von den Wänden, wir standen auf blankem Beton“, erzählt Thomas Lackmann, stellvertretender Vorsitzender der Mendelssohn-Gesellschaft. Gemeinsam mit dem Historiker Sebastian Panwitz und dem Kunsthistoriker Ernst Siebel entwickelte Lackmann damals das Konzept der „Geschichtsmeile Jägerstraße“, in deren Rahmen auch eine erste Ausstellung in dem bald Mendelssohn-Remise getauften Saal stattfand.

Daraus ist heute, 20 Jahre später, eines der schönsten Beispiele bürgerschaftlichen Engagements in Berlin entstanden. In einer Stadt also, deren Bürgertum durch Holocaust, Krieg und Mauerbau im Vergleich etwa zu Köln oder Hamburg stark zerfleddert wurde und in der Orte wie die Mendelssohn-Remise deshalb so wertvoll sind. 60 Ehrenamtliche halten den Laden am Laufen, der organisatorisch inzwischen der Mendelssohn-Gesellschaft angegliedert ist. Die wiederum war bereits 1967 von Cécile Lowenthal-Hensel gegründet worden, einer Urenkelin von Fanny Hensel, der Schwester Felix Mendelssohn Bartholdys.

Die vielen Gesichter

Thomas Lackmann – selbst Nachfahre der Mendelssohn-Familie – beschreibt die vielen Gesichter der Remise mit den Worten „Geschichtswerkstatt, Museumssalon, Dialogforum und Konzertsaal“. Schuberts Forellenquintett kann hier ebenso erklingen wie eine Filmreihe zu Zivilcourage, es gibt Buchvorstellungen, Vorträge etwa zu E.T.A. Hoffmann oder Voltaire und Friedrich II. und Stadtführungen etwa zu den Friedhöfen am Halleschen Tor (wo viele Mitglieder der Familie begraben liegen) oder dem Berliner Zeitungsviertel.

Die Remise richtet den Blick aber bei weitem nicht nur zurück auf das, was war. Sondern auch nach vorne, indem sie Fragen verhandelt wie die, in welcher Gesellschaft wir leben wollen und wie des Stammvaters Aufruf zum aufgeklärten Dialog heute Gehör finden kann: gegen Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit.

Junge Streicher des Musikgymnasiums Carl Philipp Emanuel Bach bei der Jubiläumsfeier "20 Jahre Mendelssohn-Remise"Mendelssohn-Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin Popstar der Philosophie