Documenta 16: Aufräumen und in die Zukunft denken

Für gewöhnlich spielt die Findungskommission der Documenta keine übergeordnete Rolle. Sie genießt eine gewisse Prominenz, das schon, hat ihren Job in der Vergangenheit allerdings meist geräuschlos erledigt und die jeweils künftigen Kurator:innen der wichtigen Megaschau bestimmt. Diesmal ist alles anders; diesmal ruhen zahllose Augen auf der Malerin und Theoretikerin Bracha Lichtenberg Ettinger, der in Shanghai lebenden Kuratorin Gong Yan, Ranjit Hoskoté aus Mumbai, Simon Njami, María Inés Rodríguez und Kathrin Rhomberg, die unter anderem den Kölnischen Kunstverein geleitet hat. Denn das neue Team soll nicht bloß in die Zukunft der Documenta 16 im Jahr 20026 denken. Es soll auch hinter sich aufräumen.

Dabei hat es den Schaden, den im vergangenen Jahr vor allem das monumentale Werk des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi mit seinen antisemitischen Motiven anrichteten, gar nicht verursacht. Doch allein der Gedanke, die kommende Documenta ließe sich losgelöst von jenem Skandal realisieren, weil fünf Jahre Zeit dazwischen liegen, wäre irrwitzig. Es wird im Gegenteil voraussichtlich noch einmal alles hochgespült, wenn in Kassel 2027 das nächst kulturellen Großereignis namens Documenta ansteht.

Katastrophal war im vergangenen Jahr – neben dem enttäuschend laxen Umgang von Taring Padi mit den Vorwürfen – auch die Kommunikation von Seiten der Organisatoren. Erst wurde kollektiv geschwiegen, dann ging die Generaldirektorin der Documenta, Sabine Schormann, mit widersprüchlichen Behauptungen in den Modus der Verteidigung. Das soll sich offenbar nicht wiederholen, diesmal zählt mehr Transparenz „Wir haben sechs herausragende Expertinnen und Experten aus aller Welt gewinnen können, die sowohl mit ihren unterschiedlichen künstlerischen, kuratorischen und kulturtheoretischen Hintergründen als auch als Persönlichkeiten gemeinsam für die Modernität, die Internationalität und die Vielfalt der Documenta stehen“, heißt es im Statement des Kasseler Oberbürgermeisters Christian Geselle und der hessischen Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Angela Dorn, die beide dem Aufsichtsrat vorsitzen.

Nun gehe es darum, die „Verfehlungen beim Thema Antisemitismus“ auf der vom indonesischen Kollektiv Ruangrupa verantworteten Documenta 15 aufzuarbeiten. Dass mit Ruangrupa die Kurator:innen der vergangenen Schau nicht am Auswahlprozess beteiligt waren, wird explizit erwähnt. Es ist ein Anfang, dem hoffentlich weitere Debatten und Diskurse folgen, bis spätestens Anfang 2024 die verantwortlichen Kurator:innen der nächsten Documenta feststehen. Geräuschlosigkeit war gestern: Diesmal wäre Öffentlichkeit die bessere Strategie.

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