Die ARD will ihr Wissensressort abschaffen: Technik, Medizin und Co sind keine Nischen – sondern das Fundament!
Die „Investition in die Zukunft“ dauerte kaum vier Jahre: Noch im September 2022 hatten Juliane Leopold und Marcus Bornheim aus der Chefredaktion von ARD-Aktuell den Start eines eigenen Wissensressorts angekündigt. Mit dem neuen redaktionellen Bereich, so Leopold damals, reagiere man „auf ein Bedürfnis unseres Publikums nach mehr Hintergrundinformationen und Einordnung von Nachrichten“. Das habe man aus der Corona-Zeit und dem Feedback der Community gelernt.
Seitdem haben Personen aus Politik und Wirtschaft unzählige Male die Bedeutung von Forschung und Technologie für den (Hightech-)Standort Deutschland betont. Seitdem hat sich das neue ARD-Wissenschaftsressort intern und extern einen guten Ruf und überzeugende Nutzungszahlen erarbeitet.
Seitdem ist auch die Welt durch den Vormarsch von Künstlicher Intelligenz, Digitalisierung und Drohnentechnologien bis hin zu Fragen zur Energiewende oder zur Sicherheitsforschung komplexer und das Bedürfnis nach Einordnung noch größer geworden. Politische Redaktionen allein können dies erfahrungsgemäß nicht leisten, Universalgenies sind auch in Nachrichtenredaktionen selten. Und doch will die Chefredaktion von ARD-Aktuell nun ihre gerade erst vorbildlich aufgebaute wissenschaftsredaktionelle Kompetenz in der Zentrale wieder zerstören.
Es ist nicht das erste Mal, dass die Leitungsebene eines öffentlich-rechtlichen Senders in Zeiten von Sparzwängen die Wissenschaftsredaktion als vermeintlich schwächstes Glied in der Redaktionshierarchie als leicht zu opferndes Sparschwein betrachtet – womöglich in Ermangelung eines echten Reformkonzepts. Schließlich kann man bei einem kleinen Ressort und einer im Vergleich zu anderen Akteuren kommunikativ eher trägen Forschungslandschaft auch auf möglichst wenig Widerstand hoffen.
Interessiert Medizin etwa weniger als der Kleingartenverein?
Gerne wird dann behauptet, es handle sich bei Themen aus Wissenschaft und Forschung nicht um „Kernthemen“, sondern um eine Nische, wie es der damalige WDR-Intendant Tom Buhrow vor rund zehn Jahren noch behauptete.
Es bleibt schleierhaft, warum oft standortnotwendige News aus Wissenschaft, Technik und Medizin weniger zu den Kernaufgaben von Nachrichtenformaten gehören sollten als eine Kurzreportage aus dem Kleingartenverein oder eine unterhaltsame, aber weltpolitisch unbedeutende Anekdote aus Taka-Tuka-Land. Nicht nur in Zeiten einer Pandemie erweisen sich diese Bereiche mitunter als lebensnotwendig.
Dass Nachrichten aus Gesundheit, Umwelt, Wissenschaft und Technik zuverlässig eingeordnet werden, ist auch für die Berichterstattung aus dem politischen Berlin wichtig.
Holger Wormer, Professor für Wissenschaftsjournalismus
Nicht umsonst haben die deutschen Wissenschaftsakademien bereits im Jahr 2017 empfohlen, den Bildungs- und Informationsauftrag der Sender gegenüber der Unterhaltung zu stärken. Konkret sollten „öffentlich-rechtliche Medien (…) angesichts ihrer besonderen Verantwortung und garantierten Finanzierung jenseits von Spartenprogrammen vor allem aber auch ihr zum aktuellen [!] Tagesgeschehen gehörendes journalistisches Angebot zu Themen aus Wissenschaft, Technik und Medizin ausbauen“.
Der Grund dafür liegt auf der Hand: Dass Nachrichten (oder immer öfter auch von lancierten Falschinformationen) aus Gesundheit, Umwelt, Wissenschaft und Technik zuverlässig eingeordnet werden, ist auch für die Berichterstattung aus dem politischen Berlin wichtig und essenziell für die demokratische Meinungsbildung. Demgegenüber dürfte das tatsächliche Einsparpotenzial durch den Wegfall einer ohnehin kleinen Wissenschaftsredaktion überschaubar sein – jedenfalls kaum größer als das der Einsparung eines Chefredakteurinnen-Postens.
Sofern die ARD-Intendanzen die einstige „Investition in die Zukunft“ nun nicht doch noch retten, soll der dramatische Einschnitt übrigens möglichst unsichtbar geschehen. Der Plan: Der Reiter „Wissen“ auf tagesschau.de bleibt, auch wenn die fachlich versierte redaktionelle Qualitätssicherung in Hamburg geht.