Longlist zum Deutschen Buchpreis 2026: Lesen hilft gegen die allgemeine Verunsicherung

Was Caroline Wahl wohl zu dieser am Dienstag veröffentlichten Longlist für den Deutschen Buchpreis 2026 sagt? Ihr neuer Roman „1999 Meter über dem Meer“ ist nicht nominiert worden, so wie das in den vergangenen Jahren schon mit ihren Romanen „22 Bahnen“, „Windstärke 17“ und „Die Assistentin“ der Fall war. Vielleicht ist „1999 Meter über dem Meer“ auch gar nicht eingereicht worden von ihrem Verlag, von Rowohlt, das weiß nur die Jury.
Wie auch immer: Es sind viele andere deutschsprachige Titel, über die in diesem Herbst gesprochen wird, nicht auf dieser Longlist, Sven Regeners „Frankie und Freddie“, Maxim Billers „Schwarzer September“ oder Eva Menasse „Alleinruhelage“, um nur drei zu nennen. Oder auch nicht Lutz Seilers „Das tickende Herz“ oder Daniel Kehlmanns „Afrika“, um allerdings zwei zu nennen, die erst viel später veröffentlicht werden und damit gar nicht nominiert werden konnten.
Was alles gar nicht schlimm ist. Denn die Auswahl ist trotzdem eine gelungene. Das hat sicher damit zu tun, dass die deutschsprachige Literatur gerade sehr vielversprechend daherkommt. So wie es die diesjährige Jury-Vorsitzende Cornelia Geißler in ihrem Longlist-Begleitkommentar formuliert: „Wir sind sehr angetan davon, wie markant und erhellend biografische Mehrsprachigkeit in literarischem Reichtum mündet. Stilbewusst, innovativ, durchaus auch mit Witz zeigen die Autorinnen und Autoren die Verletztheit ihrer Figuren, begleiten Aufbrüche in eine andere Zukunft.“
Auch Shida Bazyar ist mit „Die Lücken“ dabei
Darunter fallen zum Beispiel Tomer Gardis Lieferfahrer-Roman „Liefern“, Muri Daridas Spurensuche in ihrer ungarischen Familiengeschichte, „King Cobra“, Alisha Gamischs Roman über die Lebenswege von drei russlanddeutschen Frauen, „Parasiti“, Karosh Tahas „Gulistan“, der von der Kurdenverfolgung unter Saddam Hussein im Irak erzählt, oder Shida Bazyars Heimatroman „Die Lücken“.
Bazyar ist noch eine der bekannteren Schriftstellerinnen auf dieser Longlist, war sie doch dieses Jahr mit ihrem Debütroman „Nachts ist es leise in Teheran“ für den International Booker Prize nominiert. Auch Helene Bukowski hat eine gewisse Bekanntheit. Mit ihrem Roman „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ über den Selbstmord einer in der DDR groß gewordenen jungen Pianistin war sie im Frühjahr schon für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.
Wenig große Namen
Und Valeria Gordeev hat 2023 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Ihr Siegertext findet sich als Passage auch in ihrem Debütroman „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“, den die Jury nun ebenfalls für den Deutschen Buchpreis nominiert hat.
Wirklich große Namen auf dieser Liste finden sich nur drei. So Ingo Schulze, der mit „Licht im August“ einen Roman über den Beginn des Schreibens und die Erinnerung geschrieben hat; dann Heinz Strunk mit „Memories of Heidelberg“, der seit zwei Wochen die „Spiegel“-Bestsellerliste anführt; und schließlich Lukas Rietzschel, der mit seinem DDR-Wende-Nachwende-Roman „Sanditz“ völlig zurecht nominiert worden ist und gut auf der Shortlist stehen könnte (wo etwa Strunk eher nicht hingehört).
Interessant auch, dass Miriam Carbe mit ihrem Vier-Frauengenerations-Roman „Unerwünschte Töchter“ dabei ist, ein Roman, der Ende Mai erschienen ist und bislang noch nicht ausreichend gewürdigt wurde, ähnlich wie Svenja Leibers Roman „Nelka“ über eine ukrainische Zwangsarbeiterin, die ihren Peiniger Jahrzehnte später mit seinen Verbrechen konfrontiert.
Svenja Leiber, Miriam Carbe, Peggy Mädler
Auch Peggy Mädlers „Selbstregulierung des Herzens“ verdient noch ein viel größeres Publikum und viel mehr Resonanz. Wenig Berühmtheiten, aber viel Qualität und viele Kandidaten für die Shortlist – so lässt sich diese Longlist gut zusammenfassen. Oder, noch einmal Cornelia Geißler von der Jury: „Wie soll man sich zurechtfinden in einer Welt, in der Verunsicherung um sich greift? Wir sind überzeugt: Lesen hilft.“
Am 8. September gibt es die Shortlist mit sechs Titeln, und am 5. Oktober wird zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse im Kaisersaal des Frankfurter Römer bekannt gegeben, wer den mit 25.000 Euro dotierten Deutschen Buchpreis 2026 verliehen bekommt.