Avatare, Apps und Chatbots : Künstliche Intelligenz kann helfen, Inklusion voranzubringen

Wenn Christel die Sammlung der Berlinischen Galerie besucht, geht sie durch die DADA-Installationen mit den detailreichen Collagen von Hannah Höch, sie kommt an farbintensiven Gemälden von Lesser Ury und schwarz-weiß Fotografien von Herbert Tobias vorbei – einige Bilder sind opulent in Gold gerahmt, andere hängen an farbig gestrichenen Wänden.

Durch das Gebäude führt Christel von ihrem Blindenhund geführt (ja, die sind im Museum erlaubt), auf ausgewählte Werke der Sammlung machen sie die Leitlinien auf dem Boden über den Blindenstock aufmerksam. Mithilfe eines Audioguides, der Bildbeschreibungen gibt, und eines Tastmodells, das das Werk haptisch abbildet, kann sich Christel langsam einen sinnlichen Eindruck von der Kunst verschaffen.

Per Tastmodell die Kunst wahrnehmen

„Tatsächlich sind solche positiven Ausstellungserlebnisse für mich eher die Ausnahme, ich würde mir aber mehr davon wünschen”, sagt sie. „In der Dauerausstellung gelingt uns die Inklusion von Blinden und seheingeschränkten Personen schon recht gut, das nächste Ziel, das wir uns vorgenommen haben, ist den Zugang auch für andere Gruppen zu erweitern“, sagt Andreas Krüger, Referent für Barrierefreiheit der Berlinischen Galerie.

Carolin Wagner ist Kunsthistorikerin und Kulturmanagerin mit Fokus auf Onlinekommunikation und digitale Strategien. Aktuell leitet sie die Geschäftsstelle des Fördervereins der Berlinischen Galerie.

Gerade wenn es um gleichberechtigte kulturelle Teilhabe von Menschen mit Behinderungen geht, sind die Angebote von Institutionen weltweit oft sehr überschaubar bis nicht vorhanden.

ChatGPT als Lösung?

Obwohl die Relevanz von Inklusion, Bildung und Vermittlung in den vergangenen Jahren im Museumsbetrieb zugenommen hat, ist man noch weit davon entfernt, den diversen Zielgruppen wirklich gerecht zu werden – zu groß ist die Diversität der Menschen, zu umfangreich die wechselnden Inhalte, zu gering die Ressourcen. Klingt nach einer unmöglichen Aufgabe für Museen, die es momentan auch noch zu sein scheint. Oder bieten uns die aktuellen Modelle von Künstlicher Intelligenz wie ChatGPT vielleicht die Lösung für mehr Inklusion?

Im Zusammenhang mit neuen Technologien wird häufig die ethische Frage bemüht, ob man etwas nur machen sollte, weil es technisch möglich ist – aber muss die Frage im Bereich Inklusion nicht vielleicht andersherum lauten: Können wir es uns noch leisten, Menschen von Kunst und Kultur auszuschließen, wenn die technischen Voraussetzungen zu mehr Inklusion gegeben sind?

Per Sprachnavigation durchs Museum

Der Museumsbesuch für blinde und seheingeschränkte Besucher könnte durch KI beispielsweise signifikant verbessert werden: Geodaten basierte Sprachnavigationen à la Google-Maps im Innenraum von Museen sind denkbar, die die Besucher genau zu den gewünschten Exponaten führen. Vor dem gesuchten Werk angekommen, könnte eine entsprechend trainierte KI als interaktiver Audioguide nicht nur sprachbasiert kunsthistorische Fakten abspielen, sondern auch detaillierte Bildbeschreibungen anbieten, die durch Rückfragen vertieft werden können.

Auf einem Werk, das bei kurzen Bildbeschreibungen nur eine Dame mit blauem Kleid und Hund verrät, könnte man dann mühelos in Erfahrung bringen, ob es sich um einen Langhaardackel handelt, der grimmig drein guckt und welcher Epoche das veilchenblaue Korsett-Kleid der jungen rothaarigen Dame zuzuordnen ist, beziehungsweise wie die Spitze am Saum heißt.

Barrierefreie Dauerausstellung in der Berlinischen Galerie.
Barrierefreie Dauerausstellung in der Berlinischen Galerie.

© Daniel Müller

Je nach individuellem Interesse könnte man dann auch tiefer in das Hunde- oder wahlweise das Fashion-Thema einsteigen und sich darüber informieren, welche anderen Werke der Sammlung sonst noch Hunde zeigen oder wie pflegeintensiv diese Dackel in der Haltung sind beziehungsweise welche Rolle Korsetts heute noch bei Designern wie Jean Paul Gaultier spielen. Natürlich könnten so auch detaillierte Fragen kunsthistorischer Natur zum Pinselduktus, zur Provenienz oder zum Bilderrahmen beantwortet werden. Eine Anwendung, die im Grunde für jeden Besucher interessant sein kann.

Vorlesestimme auswählen

Textmaterial online oder in Ausstellungen kann man sich mit Text-zu-Sprache-Funktionen von der KI via Smartphone ausgeben lassen. Screenreader gibt es standardmäßig in Computerprogrammen, dennoch ist die maschinelle Aussprache ohne Betonung wirklich eher eine Zumutung für die Nutzer, wenn man sich doch eigentlich auf den Inhalt konzentrieren möchte. Interessant dürfte es dann werden, wenn man sich mithilfe einer KI eine beliebige Stimme auswählen kann, die die Texte vertont – zum Beispiel vom jeweiligen Lieblings-Synchronsprecher. Die ersten Computerprogramme testen diese KI-Anwendung heute schon und man fragt sich, ob Sprecher bald ihre Stimme lizenzieren lassen müssen.

Das Thema Sprachen ist ohnehin ein zentrales, wenn es um Barrieren im Museumskontext geht: Angesichts ständig neuer Werkpräsentationen mit wechselnden Texten, Broschüren und Audioguides können (deutsche) Kulturinstitutionen meist synchron alle Informationen nur in der einen üblichen englischen Übersetzung anbieten. Was aber ist mit Spanisch? Mit Arabisch? Mit Mandarin? Oder etwa mit Gebärdensprachen?

Jede Sprache der Welt

7139 Sprachen werden weltweit gesprochen – was also tun? Hoffen, dass die meisten Besucher in der Schule Englisch gelernt haben und den Rest (aus Ressourcenmangel) ignorieren? Oder kann auch hier die KI weiterhelfen? Verschiedene innovative Lösungen werden bereits angeboten: KI-basierte Apps können auf dem eigenen Smartphone simultane Übersetzungen in jeder Sprache von Texten oder auch Audios bieten.

Und wie erreicht man mit der Hilfe von KI gehörlose Individualbesucher, deren Muttersprache Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist und die teilweise nicht ohne Schwierigkeiten Schriftsprache lesen können? Tatsächlich gibt es vereinzelt Anwendungen mit Gebärdensprach-Avataren (computeranimierte Figuren, die in Gebärdensprache übersetzen) – beispielsweise das Zeppelin Museum erprobt sie aktuell. Sind also Dolmetscher-Avatare demnächst womöglich auf jedem Smartphone standardmäßig verfügbar?

„Aktuell liefern die Gebärden-Avatare leider nur eine mindere Qualität – die Bewegungen sind mechanisch, die Mimik ist hölzern und der Gebärdenfluss unnatürlich. Teilweise sind sie gar nicht zu verstehen“, so der Gehörlosenverband München und Umland e.V., „Avatare machen in der Vermittlung momentan keinen Sinn.“ In diesem Bereich muss es wohl noch einige Updates geben, bevor die KI von der technischen Faszination zur brauchbaren Anwendung wird. Bei der rasanten Entwicklung von Künstlicher Intelligenz vielleicht aber nur eine Frage der Zeit.

Doch nicht nur die Übersetzung und exakte Wiedergabe von Texten wäre einfach machbar, sondern auch die direkte Ausgabe von Inhalten in Leichter Sprache möglich, die kognitiv eingeschränkte Menschen integriert und auch für Kinder hilfreich sein kann.

KI wird im Zusammenspiel mit dem digitalen Raum zusätzliche Möglichkeiten eröffnen: Online-Anwendungen in sämtlichen Sprachen und das Metaverse, in dem Ausstellungen am eigenen Computer virtuell erfahrbar werden, können ebenfalls zur Inklusion beitragen. Menschen, die nicht mobil sind oder im Ausland leben und schlicht nicht über die Mittel verfügen, um in den Flieger zu steigen und um den halben Globus zu jetten, um die neueste Ausstellung im Palais de Tokyo in Paris zu sehen, können auf diese Weise an der Kunst partizipieren.

Ist KI also das Wundermittel für Inklusion mit Antworten auf alle unterschiedlichen Fragen und Bedürfnisse von Museumsbesuchern und kulturinteressierten Menschen? Vermittlungsabteilungen werden lernen müssen, mit Künstlicher Intelligenz umzugehen, sie zu trainieren und mit ihr zu arbeiten. Vielleicht bedeutet es auch ein Stück Kontrollverlust zu ertragen zugunsten von mehr Inklusion – welches Museumsteam könnte die haargenaue Übersetzung von Ausstellungstexten in 7139 Sprachen nachkontrollieren?

In Zukunft wird es wichtig sein, die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz sinnvoll für Bildung und Vermittlung im Museum anzuwenden. „Trotzdem müssen Institutionen Inklusion in Ihrer Kunstvermittlung weiter ernst nehmen, in allen Bereichen berücksichtigen und ihren Bildungsauftrag nicht gänzlich an Maschinen auslagern.“ fordert Andreas Krüger – damit in einigen Jahren nicht nur noch Algorithmen und Roboter für Inklusion zuständig sind.