Unveröffentlichte Fotografien und Zeugnisse aus dem Bob Dylan-Archiv: Die Biografie eines Bergmassivs

Im Herbst 2012 führte der Historiker Douglas Brinkley mit Bob Dylan ein Gespräch. Es drehte sich um Musiklegenden, und Dylan sagte, erst komme Chuck Berry und dann alle anderen. Auf die Frage, welchen Songwriter Dylan als Geistesverwandten betrachte, antwortete er: Shakespeare. „So wie Hunderte Bücher über Shakespeare geschrieben wurden“, meinte Dylan, „geht es mir auch. Unsere Brunnen sind tief.“

Sehr tief und auch lukrativ: 2016 verkaufte Bob Dylan sein privates Archiv für 20 Millionen Dollar. Im selben Jahr wurde er mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, was ihn wenig beeindruckte, jedenfalls tauchte er nicht zur Feier in Stockholm auf.

2020 gab er seine Songrechte an Universal ab, für gut 300 Millionen, und zwei Jahre später machte er mit Sony einen Deal und übertrug dem Konzern seinen gesamten Musikkatalog für geschätzte 200 Millionen Dollar, mit Optionen für weitere Alben. Ein Mann von jetzt 82 Jahren ordnet seine Verhältnisse. Es sieht aber nicht nach Abschiedsvorstellung aus.

Und wenn er sich in seiner über 60-jährigen, beispiellosen Karriere auch stets abgeschirmt hat – sein künstlerisches Werk ist akribisch dokumentiert, auch schon vor dieser jüngsten Veröffentlichung. Bücher und akademische Arbeiten über Dylan sind kaum mehr zählbar. Auch bei den Bootleg Series, die Dylan seit bald dreißig Jahren herausgeben lässt – Outtakes, seltene Live-Mitschnitte, alternative Songversionen -, verliert man leicht den Überblick.

Hier kommt ein weiterer biografischer Band hinzu. Es ist der massivste bis dato mit mehr als 600 Seiten und 600 Abbildungen, zweieinhalb Kilo schwer. „Mixing Up the Medicine“ gleicht eher einer Kiste als einem Buch. Einer Schatzkiste, herausgegeben vom Bob Dylan Center in Tulsa, Oklahoma, wo sich auch das Woody-Guthrie-Archiv befindet. Dort wollte Dylan seinen Nachlass zu Lebzeiten versorgt wissen. Die Ausstellungs- und Forschungsstätte steht auf dem Territorium mehrerer First Nations wie den Osage, Quapaw und Wichita. An die Gewalt der weißen Siedler und die Vertreibung der Natives zu erinnern, gehört zur Mission des Bob Dylan Centers.

Der Kopf schwirrt vor Musik

Dylan ist etwas gelungen, was an Unmöglichkeit grenzt. Er hält die eigene Legende unter Kontrolle. Er weiß seit den Sechzigern, als die Öffentlichkeit ihn zum Protestsänger erklärte und auf diese Rolle festlegen wollte, dass Mythen auch wieder nachgeben können – wenn man sie nicht allzu heftig bekämpft. Er zog sich in die Wälder in upstate New York zurück, war aber nie ein Einzelgänger, wie schon ein erster Blick in das „Medicine“-Buch zeigt; der Titel ist ein Zitat aus „Subterranean Homesick Blues“, einem der ersten Raps und Videos der Popgeschichte, vom 1965 erschienenen Album „Bringing It All Back Home“.

Früher hatte ich Visionen, heute habe ich Träume.

Bob Dylan, Musiker

Ein Briefchen von George Harrison, innige Fotos mit Francoise Hardy und Patti Smith und David Bowie, wo soll man beginnen! Im Studio, auf der Bühne mit Johnny Cash, The Band, The Grateful Dead, Tom Petty, Mark Knopfler: Der Kopf schwirrt vor Musik. So einen Wälzer kann man nicht lesen, ohne gleich die Songs hervorzuholen. Dylans Alben bieten in diesem unglaublichen Universum von Kreativität und Zeitgeschichte die Orientierung.

Aber es bleibt dabei: Privates wird nicht preisgegeben, wenn es nicht mit der Kunst kommt. In den letzten Jahren hat Dylan an der Bildhauererei, an Skulpturen aus Alteisen Gefallen gefunden. Bob, der Schweißer – eine Verbindung nach Hibbing, wo er aufwuchs. Dort wurde zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg ein Viertel des gesamten Eisenerzbedarfs der USA aus dem Boden geholt.

Die High School in Hibbing war bekannt wegen ihrer Aula mit 1800 Plätzen. 1958 legte der junge Robert dort einen skandalösen und kurzen Rock ‘n’ Roll-Auftritt am Klavier hin, bis der Direktor den Vorhang zuzog. Halb Wahrheit, halb Legende, wie die Geschichten, die sich um das Newport Folk Festival von 1965 ranken. Dylan, der junge König der Folkmusik, läutete eine neue Ära ein, zum ersten Mal mit E-Gitarre, schnarrender Stimme und konfrontativem Habitus. Pete Seeger hätte das Stromkabel am liebsten mit einer Axt zertrennt. Sie spielten furchtbar laut für die damaligen Verhältnisse, weshalb wohl auch die Buhrufe im punkigen Inferno untergingen.

Gefallener Engel, Rebell mit Unschuldsmiene? Die Klischees wollen nicht wirklich passen. Zarter Country-Poet bei George Harrisons „Concert for Bangladesh“ 1971 im Madison Square Garden, weißgeschminkter Pirat bei der „Rolling Thunder Revue“ 1975: Der als scheu geltende Troubadour erweist sich in der Zusammenschau als umwerfend fotogen und chamäleonhaft in wechselnden Rollen.

Die erste Country-Platte mit zehn

So entstanden von den 1960er Jahren an ikonische Aufnahmen wie die Portraits, die Eliott Landy um 1968 in der Künstlerkolonie von Woodstock machte. Ausführlich sind Kindheit und Jugend in Minnesota in den Dokumenten vertreten. Als Dylan mit zehn Jahren seine erste Country-Platte hörte, „Drifting Too Far From the Shore“, da fühlte er sich, „als wäre er jemand ganz anders, als wäre ich gar nicht das Kind meiner Eltern.“ Das damals noch Robert Zimmerman hieß.

Dieser „Jemand ganz anders“ wurde – gar kein so schlechter Vergleich, wenn man Dylans Einfluss auf die Dichtung im Pop-Zeitalter bedenkt – zum größten Songwriter seit Shakespeare. Und natürlich hat ein Band wie „Mixing Up the Medicine“ etwas von einer Devotionaliensammlung, mit Heiligem und Kuriosa – wie dem Tamburin des Musikers Bruce Langhorne, das Dylan zu einem berühmten Song inspirierte. Oder Dylans kleinem, zusammengeflickten Notizbuch aus der Frühzeit, in dem die Entstehung einiger Klassiker nachvollzogen werden kann.

Für harte Fans ist die gewaltige Publikation ein wahres Bob-Fest. Für alle anderen ein Objekt zum Lernen und Staunen, zwischen Entertainment und Catalogue raisonné. Archivmaterial ist gelebtes Leben. Dylan wechselt die Looks, das Haar behält seine Wildheit. 1998 gewinnt er mit „Time Out of Mind“ den Grammy Award für das Album des Jahres, nach all den Jahren wieder ein anderer Sound, düster bis gespenstisch, metallisch-melancholisch, ein bewegendes Memento Mori. „Früher hatte ich Visionen, heute habe ich Träume“, das sagt er 2004.

Präsident Barack Obama meinte, es gebe keinen größeren Giganten in der amerikanischen Musikgeschichte als Bob Dylan. Wer so gefeiert und belobigt wird, seit einer Ewigkeit, muss sich warm anziehen. 2023 porträtiert ihn Hedi Slimane, ein Fotograf der Modebranche, mit Sonnenbrille und Gitarre, schwarzweiß. Auf einem dieser Bilder sieht man nur Dylans kräftige, knorrige Hände, die aus den Ärmel der schwarzen Lederjacke herauswachsen.