Aufregung um Rapper Ghali vor Olympia-Eröffnung: Der Nahost-Konflikt erreicht Mailand
Es soll wieder einmal ein bombastisches Fest werden, die Eröffnung der Olympischen Spiele im San-Siro-Stadion von Mailand, am besten so wie im Sommer 2024 in Paris, als die ganze Welt entzückt war.
Dafür haben die Olympia-Verantwortlichen wieder keine Kosten und Mühen gescheut, wenn man sich allein die Top-Acts anschaut: Mariah Carey tritt an diesem Freitagabend auf, und auch der chinesische Pianist Lang Lang, der ein Superstar seiner Zunft ist.
Des Weiteren sind dabei der italienische Tenor Andrea Bocelli, auf den Donald Trump hohe Stücke hält und der schon im Weißen Haus ein Privatkonzert für Trump gegeben hat, die italienische Latin-Pop-Sängerin Laura Pausini, der Schauspieler Pierfrancesco Favino, die „The White Lotus“-Darstellerin Sabrina Impacciatore, die Opernsängerin Cecilia Bartoli und der italienische Rapper Ghali.
Der geplante Auftritt von Ghali sorgt jetzt für Aufregung in Italien und im Vorfeld der Eröffnungsfeier, die um 20 Uhr beginnt. Der 32-Jährige, der mit Nachnamen Amdouni heißt und dessen Eltern aus Tunesien stammen, ist ins Visier der Rechten geraten und damit von Giorgia Melonis Regierungspartei Lega.
Der Grund: Ghali, der musikalisch eine Mischung aus Rap, Pop und Elektronik spielt und auf Italienisch und Arabisch singt, ist ein scharfer Israel-Kritiker. 2024 bekundete er bei einem Auftritt auf dem Festival von Sanremo seine Solidarität mit den Palästinensern und forderte Israel auf, den „Genozid“ in Gaza zu stoppen.
Das sorgte schon damals in Italien für Debatten. Jetzt heißt es aus Lega-Kreisen: „Es ist wirklich unglaublich, bei der Eröffnungszeremonie einen Israel-Hasser und Feind des Mitte-rechts-Lagers zu haben.“ Und: „Italien und die Spiele verdienen einen Künstler, keinen propalästinensischen Fanatiker.“
Um eine Grenze mit imaginären Linien zu ziehen/bombardiert ihr ein Krankenhaus/Für ein Stück Land oder ein Stück Brot/Es gibt niemals Frieden.
Ghali in seinem Track „Casa mia“
Auch das Stück „Casa Mia“, mit dem Ghali in Sanremo auftrat, lässt sich als Beschreibung der Situation in Gaza verstehen: „Aber wie könnt ihr sagen, dass hier alles normal ist“, singt Ghali in dem Stück. „Um eine Grenze mit imaginären Linien zu ziehen, bombardiert ihr ein Krankenhaus/Für ein Stück Land oder ein Stück Brot/Es gibt niemals Frieden.“
Sport- und Jugendminister Andrea Abodi erklärte nun, dass Amdouni „auf der Bühne seine Meinung nicht äußern“ werde, er vertrete eine Meinung, „die wir nicht teilen“. Wie sich Ghali allerdings verhält, ist fraglich, weil er sich seinerseits auf seinem Instagram-Account schon darüber beklagt hat, die italienische Nationalhymne nicht singen zu dürfen.
Sie wird von Laura Pausini intoniert, wer immer diese Entscheidung getroffen hat. „Ich weiß, warum ich die italienische Nationalhymne nicht mehr singen durfte. (…) Ich weiß auch, dass mein Schweigen Lärm macht. Ich weiß, dass alles ein großes Theater ist“, so Ghali auf Instagram.
Großes Theater ist ein schönes Stichwort, so stellt es sich das Internationale Olympische Komitee vor. Es will mit seiner immer engeren Allianz mit der Popkultur die Spiele noch bigger machen als ohnehin schon, und zwar nur im Show-Teil, der doch bitte schön bunt und unpolitisch sein soll.
Dass aber auch der Pop im höchsten Grad politisiert ist, erst recht seit dem Überfall der Hamas auf Israel, dass ein italienischer Rapper der zweiten Generation eine andere Einstellung zum Nahostkonflikt hat als Italiens Regierung oder der Trump-Freund Bocelli, scheint dem IOC nicht in den Sinn gekommen zu sein.