„Unter Uns“ wird abgesetzt: Die Rechnung geht nicht mehr auf

Daily Soaps sind als Verkaufshilfe für die Werbung ins Fernsehen gekommen. Leben, Leid und Liebe, täglich verabreicht in hohen emotionalen Dosen, war ein attraktives Umfeld für Werbekunden, die Rechnung ist lange aufgegangen. In seinen Hochzeiten konnte der Marktführer „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ für RTL bei 20 Millionen Euro Produktionskosten 220 Millionen einspielen. Pro Sendejahr, wohlgemerkt.
Genau diese Rechnung wird „Unter uns“ nun zum Verhängnis: die Relation von Aufwand und Ertrag stimmt nicht mehr. Was mal eine Cash Cow war, wird im März 2027 abgehalftert. Der Starttermin für die Produktion war 1994, in diesem und im folgenden Jahrzehnt haben das Privatfernsehen, aber auch ARD und ZDF dieses Format für sich entdeckt und dem Publikum in immer neuen Varianten angeboten: „Alles was zählt“, „Marienhof“, „Jede Menge Leben“, Sat1 versucht aktuell mit „Ein Hof zum Verlieben“ und „Frieda – Mit Feuer und Flamme“ sein Dauerglück.
Den tapferen Neustarts zum Trotz signalisiert das Ende von „Unter uns“, dass das Dramuletten-Format seine Glanzzeit hinter sich hat. Gerade beim Zielpublikum der 14- bis 29-Jährigen hat die Nutzung des linearen Fernsehens dramatisch nachgelassen. Dieses Publikum bedient sich mehr und mehr bei den Streaming-Plattformen und den Mediatheken, wenn es um die serielle Befriedigung geht. Der Katalog an einschlägigen Angeboten ist derart umfangreich geworden, dass der damit verbundene Konkurrenzdruck auch solche Langläufer wie „Unter uns“ aus dem Radius von Anziehung und Rentabilität verdrängen kann.
Die ARD sendet ihre Soaps am Nachmittag
Selbst die Zahlen von Marktführer „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ sind nicht mehr golden. Konnten auf dem Höhepunkt der Zuneigung 2011 im Schnitt täglich 3,2 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer gewonnen werden, hat die zuletzt erfolgreichste Episode 8571 bei aktuell 8598 ausgestrahlten Folgen knapp 1,33 Millionen angezogen. Dass aus dem ehemaligen RTL-Erfolgstrio „Unter uns“, „Alles was zählt“ und „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ mittelfristig noch eine weitere Soap aussortiert wird, scheint nicht undenkbar.
Die großen Soaps sind allesamt im Vorabend oder in der Primetime angesiedelt, weil in diesen Zeiten die TV-Nutzung am höchsten ist. Ein Serienblock bricht aus diesem Schema aus und zwar bei der ARD. Das Programm hat in der Sendestrecke vor der „Tagesschau“ um 20 Uhr Soaps wie „Verbotene Liebe“ und „Marienhof“ durch eine Quizorgie ersetzt. Nicht so um 14 Uhr 10 und eine Stunde später: Da leuchten zuerst die „Roten Rosen“, tobt anschließend der „Sturm der Liebe“. Die beiden Telenovelas sind Dauerbrenner bei den Senioren – jenes Publikum, das das Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens unverändert bestimmt.