Pop-Kultur-Festival eröffnet mit Matthias Lilienthal: „Kai Wegner hat sich keinen Furz für die Kultur interessiert“

Wie lässt sich die gebeutelte Kulturszene Berlins retten? Der neue Volksbühnen-Intendant Matthias Lilienthal hat da einige Ideen: etwa 50 Millionen Euro für den Hauptstadtkulturfonds. Außerdem, dass alle freien Institutionen und Träger ihre Mittel behalten und dass Opern und Philharmonie an den Bund gehen, um mit dem Geld die freie Szene zu fördern. „Sonst habe ich keine Wünsche“, schließt er grinsend sein Plädoyer. Später wird er dann aber doch noch einige äußern.

Lilienthal ist am Montagabend zu Gast beim Pop-Kultur-Festival, das im Silent Green im Wedding mit zwei Tagen voller Gespräche rund um Kulturpolitik und Musik eröffnet. Zum Auftakt diskutiert der Intendant mit der Kulturjournalistin Aida Baghernejad und der Leiterin von Pop-Kultur, Marie von der Heydt, über Utopien und Hindernisse der Kulturszene vor den anstehenden Abgeordnetenhauswahlen im September, moderiert von Fatima Çalışkan.

Lilienthal spricht dabei auch über den Shitstorm, den er gerade wegen der Diskussionen um einen geplanten Badetag für schwarze Menschen in seinem Volksbad über sich ergehen lassen musste. Er gibt sich kämpferisch – und optimistisch, was die Zukunft angeht. „Bei larmoyanten Klagen langweile ich mich immer. Und das Einzige, was ich nie sein will, ist langweilig“, sagt er. „Wenn die AfD mich mit 100 Anfragen beballert, will ich wenigstens die Politik mit 100 Ideen beballern.“ In seinen Augen sei eine Förderung der Kultur durchaus machbar, allerdings politisch derzeit nicht gewollt: „Kai Wegner hat sich keinen Furz für die Kultur interessiert.“

Eröffnung des Pop-Kultur Festivals mit Matthias Lilienthal, Credit: Camille Blake
Im Kuppelsaal des Silent Green findet der Auftakt des Pop-Kultur-Festivals statt.

© PR/Camille Blake

Marie von der Heydt fügt hinzu, dass ein künftiger Kultursenator sich gar nicht zwingend mit Theater oder Oper auskennen müsse – er sollte vor allem wissen, an welchen Tischen er zu sitzen hat, und gut verhandeln. Der Festivalchefin geht es nicht nur um gekürzte Gelder, sondern vor allem um die mangelnden Zukunftsperspektiven von Kulturakteuren in der Stadt.

Die Kultur auch über die Legislaturperiode hinaus sichern

„Wir müssen einen Trick finden, wie wir es schaffen, die Kultur auch über die Legislaturperiode hinweg zu sichern“, sagt sie, angesichts der politischen Lage in Deutschland – etwa mit einem Kulturfördergesetz. In anderen Bundesländern gebe es bereits Kulturstrategien wie das „Popländ“ in Baden-Württemberg, eine Initiative, mit der das Land die Vielfalt im Pop fördert.

Die fehlende Sicherheit, das ständige Bangen um Gelder und politische Angriffe würden es schwerer machen, sich auf die eigentlichen Aufgaben zu konzentrieren, so von der Heydt. Das Musicboard Berlin etwa hat eigentlich den Auftrag, Popmusik Berlins zu stärken, Förderprogramme ins Leben zu rufen – doch dafür fehle oft die Zeit. Kritik, dass gerade Popmusik sich doch eigentlich wirtschaftlich tragen sollte, wehrt sie ab. „Es geht um die Förderung von Nachwuchs, um das Schaffen neuer Räume und die Ermöglichung, alle mitzunehmen“, so von der Heydt. „Das passiert nicht, wenn man das dem Markt überlässt.“

Bar Italia, Credit: Rankin
Sorvina wurde in New York geboren und lebt jetzt in Berlin. Am Freitag tritt sie in der Kulturbrauerei auf.

© PR/Lucho Vidales

Seine trotzige Haltung kommt auch aufgrund seiner Erlebnisse in den vergangenen Wochen. „Ich habe mich zwei Tage lang nicht vor’s Haus getraut, weil da rechte Streamer vor der Volksbühne standen“, erzählt Lilienthal. „Diese Woche denke ich: Lass diese Trottel da rumstehen und ihre Bilder machen, ist mir doch Wurscht. Das Gequatsche von AfD, rechten Streamern, Nius und Springerpresse geht mir einfach am Arsch vorbei.“

Lilienthal kritisiert auch den CDU-Spitzenkandidaten Stefan Evers scharf. „Ich wusste nicht genau, ob das jetzt mein Chef ist, der mir den Rücken freihält“, sagt er. „Ich hatte nicht das Gefühl.“ Er habe eine Kollision der verschiedenen Rollen als Wahlkämpfer, Finanzsenator und Kultursenator wahrgenommen. Evers sagte zunächst der „Bild“-Zeitung, dass er nichts davon halte, Menschen nach Hautfarben zu unterteilen. Später äußerte er gegenüber dem Tagesspiegel, dass er Gewaltandrohungen gegen ein Kunstprojekt für inakzeptabel halte.

Die Stadt hat ein Rassismusproblem.

Matthias Lilienthal, Intendant der Volksbühne, über Berlin

„Ich bin traumatisiert von dem Shitstorm“, erzählt Matthias Lilienthal. Er könne nun besser verstehen, was sowohl Politiker und Politikerinnen als auch People of Color in dieser Stadt aushalten müssen. „Die Stadt hat ein Rassismusproblem“, ist er sich sicher. Dem stimmt Aida Baghernejad zu, die in der Debatte um das Volksbad eine klassische Täter‑/Opfer-Umkehr sieht. Sie habe oft gehört, dass es im diversen Berlin kein Rassismusproblem gebe, so die Journalistin. „Als rassifizierte Frau fand ich das immer süß.“

Eröffnung des Pop-Kultur Festivals mit Matthias Lilienthal, Credit: Camille BlakeDas Berliner Volksbad am Tag nach dem Eklat „Es sollen sich alle mal nicht so aufregen“ Bühne frei für Arschbomben So schwimmt es sich im Volksbad am Rosa-Luxemburg-Platz

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Zum Ende des Panels gibt es noch einige Utopien der Teilnehmenden: Lilienthal wünscht sich eine engere Zusammenarbeit von Kunst und Universitäten, neue Studiengänge. Marie von der Heydt hätte gern den eintrittsfreien Museumssonntag zurück, außerdem mehr Wertschätzung für Berlin als Kreativhauptstadt und mehr freie Räume für die Kultur. Aida Baghernejad weist darauf hin, dass ihr Gesprächsort, das Silent Green, das einst ein Krematorium war, das beste Beispiel sei. „Wer hätte sich das überlegen können, dass aus diesem Ort ein Kulturort wird?“