Gezeichnete Familiengeschichte aus Südkorea: Tauchgang durch die Generationen

Anmutig bewegt sich die Taucherin durch das Wasser gen Meeresgrund. Sie scheint gänzlich in ihrem Element aufzugehen, sich geschickt einzufügen in diese prächtige Unterwasserwelt. Die Ästhetik dieses Aktes täuscht jedoch darüber hinweg, dass dahinter ein harter Überlebenskampf steht. Es ist das Ringen einer Frau, die im Meer vor der südkoreanischen Insel Jeju taucht und Meeresfrüchte erntet, um sich und ihre Kinder durchzubringen.

Die Geschichte dieser sogenannten Haenyeo, was so viel wie „Seefrauen“ bedeutet, hat die koreanische Comiczeichnerin und Illustratorin Jeong-in Mun in ihrer autobiografischen Graphic Novel „Langer Atem“ (aus dem Koreanischen von Sera Kuk, Rotopol, 220 Seiten, 28 Euro) eindrucksvoll aufgearbeitet. Darin schildert sie das Leben ihrer Großmutter Chunja, die mit der jahrhundertealten Tradition des „Muljil“, dem Tauchen nach Meeresfrüchten, einen Weg gefunden hat, der Armut zu entfliehen.

Entbehrungsreiches Leben

Gleichzeitig haben die damit verbundenen Entbehrungen, aber auch ihr Reichtum an Erfahrungen die ganze Familie geprägt. Es ist somit auch die Geschichte von drei Generationen von Frauen, die Jeong-in Mun erzählt. Das persönliche Erleben jeder Einzelnen ist Teil davon.

südkoreanischer Comic "Langer Atem" von Jeong-in Mun, Quelle: Rotopolpress
Tauchen von früh bis spät: eine Seite aus dem Buch „Langer Atem“.

© Rotopolpress

Da die Familie immer weniger zu Essen hat, muss sich die alleinerziehende Mutter von drei Kindern etwas einfallen lassen. Wie viele andere Frauen im Südkorea der 1960er Jahre beginnt Chunja mit dem „Muljil“ – einer harten, körperlichen Arbeit, die nicht ungefährlich ist: Ohne Sauerstoffflasche, mit minimaler Ausrüstung, tauchen die Frauen bis zu 20 Meter tief ins Meer hinab. Wie eine Apnoetaucherin müssen sie es sich antrainieren, möglichst lange die Luft anzuhalten. Für die Frauen bedeutet diese kräftezehrende Tätigkeit vor allem wirtschaftliche Unabhängigkeit: Denn Muscheln, Krebse, Tintenfische oder Algen können sie später verkaufen.

Täglich fährt Chunja zusammen mit einer Gruppe anderer Haenyeo mit einem Boot hinaus aufs Meer. Von früh bis spät folgt ein Tauchgang nach dem. Hartnäckig verfolgt sie ihr Ziel. „Wenn die anderen einmal tauchen, tauche ich zweimal. Dreimal. Bis aus meinem Atem ein langer Atem wird“, formuliert es Chunja wie ein Mantra.  

Poetisch anmutende Bilder

Nach und nach macht sie sich das Meer zu eigen. Für ihre geschmeidigen Bewegungen unter Wasser, ihren Körper, der neben Tieren und Pflanzen in dieser besonderen Sphäre koexistiert, hat die in Frankreich lebende Künstlerin teils poetisch anmutende Bilder erschaffen. Etwa, wenn ein Geflecht aus Algen Chunja umhüllt oder sie optisch mit einem Delfin verschmilzt. Über mehrere Panels hinweg verwandelt sich eine Libelle auf ihrem Weg ins Meer in eine Taucherin. Eine wunderschöne Metapher für die Leichtigkeit und Eleganz, mit der sich Jeong-in Muns Großmutter wie im Flug durch das Wasser zu bewegen scheint.  

südkoreanischer Comic "Langer Atem" von Jeong-in Mun, Quelle: Rotopolpress
Geteilte Liebe zum Meer: Eine weitere Szene aus „Langer Atem“.

© Rotopolpress

Durch ihren Einsatz für die Existenzsicherung der Familie gibt es wenig Raum für die Belange ihrer Kinder. Die Mutter ist nicht da, wenn die Kinder nach Hause kommen. Sie hat keine Zeit, um beim Elterntag mit in die Schule zu kommen. Die drei Geschwister sind auch allein zu Hause, während die Mutter, von einem Unwetter überrascht, draußen auf dem Meer um ihr Überleben kämpft.

Kindheitserinnerungen, Traumsequenzen

In einer klugen Parallelmontage kontrastieren Szenen aus dem Meer mit strömendem Regen und starkem Wellengang das sorgenvolle Warten der Kinder auf die Mutter im Haus der Familie. Das karge Setting verstärkt ihre Verlorenheit. Die Blicke sind starr. In einem Bild erscheinen die Kinder in der sonst leeren Hülle des Hauses winzig.

Jeong-in Mun erzählt all das, ohne zu werten. Ihre mit feinem Strich angefertigten Zeichnungen bilden die Lebensrealität der Familie ab. Jede der drei Frauen aus drei Generationen erhält dabei eine eigene Stimme und hat so die Möglichkeit, Vergangenes und Gegenwärtiges, oft in inneren Monologen, aus der eigenen Perspektive zu schildern.

Die Comickünstlerin lässt unterschiedliche Zeitebenen ineinanderfließen, darunter Kindheitserinnerungen, Flashbacks und kurze Traumsequenzen. Einfühlsam gibt sie auch Dialoge zwischen Großmutter und Enkelin wieder. Dabei kommen existenzielle Themen zur Sprache: Es geht um Chunjas Hoffnungslosigkeit angesichts der Schwierigkeit, ihre Kinder in den ärmlichen Verhältnissen großzuziehen.

Ein neues Leben in Europa

Jeong-in wiederum hat ihre Heimat verlassen, um in Europa als Künstlerin Fuß zu fassen. Obwohl die Leben beider Frauen unterschiedlicher kaum sein könnten, kennen beide Gefühle von Einsamkeit und Traurigkeit, wie sie im Gespräch offenbaren.

Das verbindende Element zwischen den Generationen ist aber vor allem das Meer. Schon als Kind fühlte sich Jeong-in beim Tauchen im tiefen Wasser sicher. „Denn Omas Meer würde immer auf mich aufpassen“, gewährt sie Einblick in ihre Gedanken. Chunja, die ihren Beruf noch in hohem Alter ausübt, hat ihr Wissen an ihre Enkelin weitergegeben und bei ihr ein Bewusstsein für die Schönheit der Natur geschaffen. Das hat Jeong-in Mun offenkundig auch als Künstlerin geprägt.