73. Berlinale: Die Specials und der Encounters-Wettbewerb

Am Montag beginnt der Vorverkauf der 73. Filmfestspiele Berlin, das Programm ist inzwischen veröffentlicht. Wer sich auf die Ticket-Jagd vorbereiten will, findet neben unserem Überblick auf den Bärenwettbewerb (hier alle 19 Kandidaten in Kürze) hier eine Zusammenschau der übrigen Beiträge im Hauptprogramm: das Wichtigste im Berlinale Special und in der Sektion Encounters. Wer sich über die Panorama-Sektion informieren will, findet dies hier.


Berlinale Special und Special Gala

Der US-Schauspieler Sean Penn (l) traf in Kiew den ukrainischen Präsidenten Selenskyj: Szene aus „Superpower“.
Der US-Schauspieler Sean Penn (l) traf in Kiew den ukrainischen Präsidenten Selenskyj: Szene aus „Superpower“.
© dpa/The People’s Servant/Berlinale

Zu den gewiss meisterwarteten Berlinale-Beiträgen gehört Sean Penns und Aaron Kaufmans „Superpower“, ein Dokumentarfilm über den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Der zweifache Oscar-Preisträger Penn hat sein Kommen zur Weltpremiere im Berlinale Palast zugesagt.

Die Reihe mischt traditionell Publikumskino und hochkarätige Dokumentarfilme. Zu letzteren zählen das Donna-Summer-Porträt „Love to Love You, Donna Summer“ und „Boom! Boom! The World vs. Boris Becker“ über den ehemaligen Tennisstar Boris Becker. Bei den Spielfilmen dürften neben dem Eröffnungsfilm „She Came To Me“ mit Anne Hathaway, Peter Dinklage und Marisa Tomei außerdem „Golda“ mit Helen Mirren als Golda Meir und Brandon Cronenbergs Horrorfilm „Infinity Pool“ mit Alexander Skarsgard besonderes Interesse wecken.

Starpower verspricht auch Robert Schwentkes „Seneca“ mit John Malkovich und Geraldine Chaplin. Lars Kraume widmet sich in seinem Historiendrama „Der vermessene Mensch“ dem Herero-Aufstand und den deutschen Kolonialverbrechen im heutigen Namibia.

Zwei waschechte Berlin-Stories sind auch dabei. In „Tár“ verkörpert Cate Blanchett – ja, sie kommt ebenfalls zum Festival! – die erste weibliche Chefdirigentin in der Philharmonie (auch wenn die Berliner Philharmoniker nicht auftreten, Lydia Társ Orchester wird von der Dresdner Philharmonie „gespielt“). Als Konzertmeisterin sitzt Nina Hoss am ersten Pult, eine Affäre führt Blanchett vom Kulturforum nach Neukölln.

Donna Summer im Porträtfilm „Love To Love You, Donna Summer“.
Donna Summer im Porträtfilm „Love To Love You, Donna Summer“.
© Courtesy of Estate of Donna Summer Sudano

Todd Fields‘ MeToo-Drama feierte bereits im Venedig-Wettbewerb Premiere, wer es auf der Berlinale verpasst, kann es ab 2. März im Kino sehen. Und der zweite Berlin-Film: „Sonne und Beton“ von David Wnendt erzählt von vier Klassenkameraden in Gropiusstadt, nach dem gleichnamigen Bestseller von Felix Lobrecht.


Encounters

Szene aus Ayşe Polats Berlinale-Encounters-Beitrag "Im toten Winkel"
Szene aus Ayşe Polats Berlinale-Encounters-Beitrag “Im toten Winkel”
© Mitosfilm

Spielfilme, Dokumentarfilme und etliches dazwischen: Der Encounters-Wettbewerb umfasst 16 Weltpremieren, auch hier finden sich besonders viele aktuelle und politische Sujets. Sie folgen „dem Wunsch, den Blick des Publikums auf die Welt zu erweitern“, so Festivalleiter Carlo Chatrian.

Sechs der Beiträge stammen von Frauen, darunter „Im toten Winkel“ der in Berlin lebenden deutsch-kurdischen Filmemacherin Ayşe Polat. Ein deutsches Filmteam arbeitet im kurdischen Gebiet im Nordosten der Türkei, es geht um immaterielle Denkmäler, einen verschollenen Sohn und ein von mysteriösen Mächten heimgesuchtes Mädchen. Ein Politthriller über die Traumata und den Widerstand der Kurden.

In „El eco“ lernen wir drei Familien in einem abgelegenen mexikanischen Dorf kennen. Eindringlich beobachtet Tatiana Huezo ihren Alltag, nähert sich vor allem den Kindern und den Frauen. Und den zahlreichen Tieren im Dorf. Auch der Erstling der in Deutschland lebenden Belarussin Malika Museava, „The Cage is Looking for a Bird“, spielt auf dem Dorf, in Tschetschenien: ein Coming-of-Age-Film, mit der 17-jährigen Yakha im Zentrum.

Ebenfalls dabei: „In Water“, der neue Film des koreanischen Berlinale-Stammgasts Hong Sangsoo, der ungarische Science-Fiction-Film „White Plastic Sky“ über eine Zukunft ohne Pflanzen und Paul B. Preciados „Orlando, ma biographie politique“, eine Bilder-Botschaft an Virginia Woolf als frühe Erfinderin einer nicht-binären Identität.

Im Dokumentarfilm „My Worst Enemy“ setzt sich der Exil-Iraner Mehran Tamadon einem Verhör aus, so wie er es vermutlich in seiner Heimat erleben würde, wenn er dorthin gefahrlos zurückkehren könnte. Die Rolle der Geheimdienstlerin übernimmt die prominente Exil-Schauspielerin Zar Amir Ebrahimi. Tamadon ist übrigens mit einer weiteren Doku in der Forum-Sektion zu Gast, mit „Where God Is Not“ zu Gefängnisgewalt und Folter im Iran.

Fingiertes Verhör im Iran. „My Worst Enemy“ mit Zar Amir Ebrahimi und Mehran Tamadon.
Fingiertes Verhör im Iran. „My Worst Enemy“ mit Zar Amir Ebrahimi und Mehran Tamadon.
© l’Atelier Documentaire

Um die Ukraine und Russlands Angriffskrieg geht es in „Eastern Front“ von Vitaly Mansky und Yevhen Titarenko. Die beiden schneiden Bilder vom letzten Sommer in Kiew und der Arbeit eines Sanitätertrupps im Osten des Landes gegeneinander, zeigen den harten Alltag an der Front und in der Hauptstadt.

Stefano Savanas „La mura di Bergamo“ wiederum beobachtet die Trauerarbeit in der norditalienischen Stadt, die als Epizentrum der Corona-Pandemie Schlagzeilen machte. Und das semifiktionale Roadmovie „The Klezmer Project“ folgt einem (fingierten) Dokumentarfilmteam, das sich in Osteuropa auf die Suche nach verlorenen Klezmer-Melodien begibt. 

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