„Paris Murder Mystery“ im Kino: Liebe und Tod auf der Therapiecouch

Sie mache sich Sorgen, spricht die Psychotherapeutin Lilian Steiner auf den Anrufbeantworter ihrer Klientin Paula, weil diese bereits ihre dritte Sitzung geschwänzt habe. Und leider, schiebt sie noch schnell hinterher, müsse sie auch für verpasste Sitzungen bezahlen. Leicht genervt wirkt die in Paris lebende Amerikanerin, nachdem sie das Telefonat beendet hat: Aus reinem Verantwortungsgefühl hat sie den Anruf offensichtlich nicht getätigt.

Lilian, von Jodie Foster mit einer latent unnahbaren Gereiztheit gespielt, hat ihr Leben unter Kontrolle, weswegen ihr eine unzuverlässige Klientin ein Dorn im Auge ist. Jeden Bereich ihres Lebens hält sie sorgfältig voneinander getrennt: die Beziehungen zu ihrem Sohn Julien (Vincent Lacoste) und ihrem Ex-Mann Gabriel (Daniel Auteuil), ihre ungewohnte neue Rolle als Großmutter, ihren Beruf.

Die Therapiesitzungen nimmt sie auf altmodischen Minidisks auf, die penibel datiert in Kartons weggeschlossen werden. Diese Methodik folgt weniger einem Ordnungsprinzip, sondern dient als Abwehrmechanismus; die Aufnahmen entbinden sie gewissermaßen von der Verpflichtung, sich noch die Luxuspsychoprobleme ihrer Klienten genauer anhören zu müssen. Im Französischen nennt man das wohl eine déformation professionnelle. 

Doch dann wirft sie ein unerwarteter Anruf aus der Bahn. Am Telefon ist die Tochter ihrer Klientin, die Lilian darüber informiert, dass Paula (Virginie Efira) sich das Leben genommen hat. Die Nachricht stürzt die äußerlich gefasste Therapeutin in eine Sinnkrise: Hat sie etwa die Signale der jungen Frau nicht erkannt? Hätte sie den Suizid vielleicht sogar verhindern können?

Aus Schuldgefühl sucht sie die Familie auf, platzt aber mitten in die Schmira, die jüdische Totenwache, aus der sie der Ehemann der Verstorbenen (Mathieu Amalric) unter Drohungen hinausschmeißt. Hat sie Paula tatsächlich eine zu hohe Dosis an Tabletten verschrieben, wie der Witwer behauptet? Und was bedeutet es, dass plötzlich Lilians Augen aus unerklärlichen Gründen zu tränen beginnen?

So ganz entscheiden will sich die französische Regisseurin Rebecca Zlotowski nicht, was ihr Film „Paris Murder Mystery“ eigentlich sein soll. Die Charakterstudie einer Frau, die sich unerwartet in einer emotionalen Krise wiederfindet? Ein Krimi im Stil von Alfred Hitchcock? (Zu Beginn des Films läuft der Song „Psycho Killer“ von den Talking Heads.) Oder doch eine Ehekomödie?

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Unter der Regie von Zlotowski, die mit „Ein leichtes Mädchen“ und „Die Kinder der anderen“ ihre Sensibilität für komplexe Frauenfiguren bewiesen hat, entdeckt sie nun aber auch ihre komödiantische Ader, vor allem im Zusammenspiel mit Daniel Auteuil als verschmitztem Sidekick.

Denn Zlotowski und Foster haben einfach Spaß mit dem Genremix zwischen Drama, Ehekomödie und übersinnlichem Krimi, der mit seinem typisch französischen Esprit automatisch kultivierter anmutet, als das bei einer deutschen Krimikomödie von ähnlichem Kaliber der Fall wäre.