Banksy nach der angeblichen Enttarnung: Auch Künstler haben ein Recht auf Anonymität

In einem der vielen brillanten Kriminalromane von Dorothy Sayers identifizierte der höchstkultivierte Detektiv Lord Peter Wimsey eine Person nur anhand von Form und Gestalt ihres Zylinders. Das Schild des Hutmachers war entfernt, aber das Produkt täuschte den Experten nicht.

Das Schöne ist: Für irgendwas sind wir alle Experten. Dumm nur, dass der kapitalistische Markt sich nicht nur an Experten wendet. Er braucht also eine Geschichte als „Aufhänger“, um Produkte zu verkaufen. Und nichts ist besser für die Geschichte als ein „echter“ Name. Der dann als Garantie für den Wert des Produkts gilt, so dämlich das aus unser aller Expertensicht ist.

Warum dieser Vorspann? Die Nachrichtenagentur Reuters will nach einer datenschutzrechtlich hoch problematischen Schnitzeljagd herausbekommen haben, wer denn nun der Künstler Banksy ist. Seit einem Vierteljahrhundert erregen seine Werke (nur dass es sich um eine als Mann zu lesende Person handelt, ist ziemlich sicher) die Öffentlichkeit in ihrer hocheleganten Verbindung aus Streetart, Graffiti, Werbung und Grafik.

Immer in Schwarz-Grau-Weiß und meist mit einem kräftigen Farbakzent versehen, sind die Wandbilder niemals aggressiv, oft poetisch und sublim politisch: Im Künstlerhaus Bethanien schuf er „Every Picture Tells A Lie“ mit engelsgleich geflügelten Polizisten im Kampfanzug. Nun soll er also entlarvt sein, als ein Herr Robin Gunningham oder David Jones aus Bristol. Na und? Was wissen wir jetzt mehr? Nichts.

Banksy hat sich nämlich immer radikal anonymisiert, eben nicht, wie andere Künstler, sein Leben zur Kunst gemacht. Das ist sein Recht. Er will die Werke so vor dem auf Personalisierung ausgerichteten Kunstmarkt schützen, auch radikal: Als bei Sotheby’s das legendäre „Girl With Ballon“ versteigert wurde, zerstörte Banksy mittels eines in den Rahmen eingebauten Streifenschredders die untere Hälfte des Bilds. Was den Wert des Objekts allerdings von 1,8 Millionen Euro bei einer neuen Versteigerung auf 21,9 Millionen steigen ließ. Dem Markt entkommt niemand.

Aber eine liberale Gesellschaft, die die Rechte des Individuums auf Selbstbestimmung auch nur ansatzweise ernst nimmt, muss akzeptieren, wie eine Person sich selbst benennt, solange niemand durch die Wahrung der Anonymität Schaden erleidet. Zumal, wenn die Anonymität zum Werk gehört: Wir wissen doch, wie der Künstler des brillanten Bildes heißt, das in der Ukraine einen in einer Ruine Duschenden zeigt: Banksy.

Und das wissen wir nicht, weil sein Name, welcher auch immer, dransteht, sondern weil dieses Werk so vielsagend, spannend, ironisch, traurig und technisch perfekt ist. Das Werk steht für den Künstler ein. So sollte es sein.