So gut ist der Dortmund-„Tatort“: Wem ist überhaupt zu trauen?

Der Jugoslawienkrieg und kein Ende. Mehrere Morde führen das Dortmunder Team um Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) und Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger), ähnlich wie jüngst im München-„Tatort“, auf eine Spur, die tief in die Gewaltgeschichte des Balkankonflikts reicht: „Tatort: Schmerz“ (Sonntag, ARD, 20:15 Uhr).

Die Morde im Rotlichtmilieu deuten zunächst auf einen Streit in der Unterwelt hin. Die junge Bosnierin Maria Nowak wird dabei verstört in einem Bordell aufgegriffen und als wichtige Zeugin befragt. Einer der Toten lebte unter falschem Namen, er war untergetaucht, weil er wegen Kriegsverbrechen verurteilt wurde, unter anderem wegen Vergewaltigungen.

Die Leiterin der Mordkommission, Ira Klasnić (Alessija Lause), nimmt Maria bei sich auf. Ihre eigenen Wurzeln, verdrängte Kriegserinnerungen und die erneute Begegnung mit Clan-Mitglied Lorik Duka (Kasem Hoxha) konfrontieren sie mit einer Vergangenheit, von der sie glaubte, diese längst hinter sich gelassen zu haben.

Für das Dortmunder Team wird der Fall zur Konfrontation mit alten Loyalitäten, verdrängter Schuld und Nachwirkungen der Kriege.

Müssen Sie eigentlich immer dieser scheiß Faber sein?

Kommissarin Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger) in ihrem letzten Fall zu ihrem Kollegen Peter Faber (Jörg Hartmann)

Das geht mit und um Kommissar Faber herum wieder weit übers normale Krimimaß hinaus. Man ist bei diesem horizontal erzählten „Tatort“, bei dem Geschichten über mehrere Episoden entwickelt werden, aus den vergangenen 14 Jahren ja einiges gewohnt, aber was sich hier an Misstrauen und Gift unter den Ermittlern aufgebaut hat und zur Entladung kommt, ist gewaltig.

Zur Erinnerung: Da gab es in vergangenen Folgen den Mord an dem Leiter der KTU, Haller, Rosa Herzogs Verwicklungen darin. Dazu die nicht ganz klare Beziehung zwischen Herzog und dem Kollegen Otto Pösken, die sich zuletzt aufgebaut hat, das Misstrauen des LKA-Mannes Kossik, der intern gegen Herzog und Faber wegen des Mordes an Haller ermittelt. Und, last but not least: Fabers ewiger Schmerz über den Verlust seiner Kollegin Martina Bönisch.

Dazu jetzt die Traumata des Jugoslawienkrieges. All das schlägt in dieser letzten Folge mit Rosa Herzog alias Stefanie Reinsperger (die Burg-Schauspielerin verlässt das Format nach nur fünf Jahren auf eigenen Wunsch) über Faber und vor allem Herzog zusammen.

Dabei wirkt der vom Faber-Haus-Autor Jürgen Werner geschriebene „Tatort“ bis zum Mehrfach-Shootdown in einer fiesen Musterhaussiedlung an der Autobahn teils überfrachtet, nicht ohne Logikbrüche.

Gehobene Krimiware wird das nicht zuletzt wegen dieser knisternd-irritierenden Binnenspannung unter den Kommissaren. Der ständige Switch zwischen Vertrauen und Misstrauen bei Faber und Herzog, was den Krieg in diesem Krimi gleichsam von außen nach innen trägt.

„Wir sind jetzt ein Team und haben uns lieb“, sagt Faber einmal ironisch. „Müssen Sie eigentlich immer dieser scheiß Faber sein?“, fragt Herzog. Sie sei sein einziger Freund, der einzige Mensch, dem er vertraue, entgegnet Faber.

Faber, dieser depressive Kommissar am Rande der Teamfähigkeit, der Frau und Tochter bei einem Autounfall verloren hat, der sich später als Mord entpuppte, ist immer dann im Leben, wenn er eine Kollegin an seiner Seite ist. Martina Bönisch ist tot. Jetzt geht Rosa Herzog.

Es brechen noch einsamere Zeiten für Deutschlands originellsten Fernsehkommissar an. Da bleibt weiter viel Schmerz. So steht Faber vor der Selbstauflösung.