Tag 10 bei der Berlinale: Die Normalisierung der Menschlichkeit
Nun ja, der Wettbewerb war nicht so dolle. Alle sagen das. So wie jedes Jahr am Schluss. Die Jury hat sowieso andere Probleme. Bei nahezu jedem Event wurde das Diktum von Starregisseur Wim Wenders, dass Filme auch unpolitisch sein müssen/dürfen/könnten, durchdiskutiert. Wer sich auf eine Bühne stellte und rief: „Für mich ist Kino immer politisch“, wurde lauthals bejubelt. Es war eine Art zweiter Wettbewerb.
Für mich ist Kino immer politisch [hier bitte Applaus einfügen]. In jeder Liebesgeschichte liegt eine Tragik, die mit der Gesellschaft zu tun hat, in der man/frau/jede*r aufgewachsen ist. In jedem Familiendrama offenbart sich die rissige Haut verschiedener Herkünfte/Identitäten/Sehnsüchte. Selbst in Komödien wird politisch gelacht. Nur nicht auf der Berlinale. Da gab es wieder keine.
Ich hab bitterlich geweint. Der ganze Kinosaal war in Tränen aufgelöst bei der Premiere der Dokumentation „Traces“. Darin erzählen ukrainische Frauen, wie sie im Donbass unter russischer Besatzung systematisch gefoltert und vergewaltigt worden sind. „Ich könnte deine Mutter sein oder deine Großmutter“, sagten die Frauen zu den jungen Soldaten. „Würdest du das auch deiner Mutter oder Großmutter antun?“ Es hielt sie nicht ab. Keinen von ihnen.
Zu den Schilderungen werden Bilder gezeigt von den Häusern, in denen die Frauen weiterleben. Von den Schusslöchern in den Wänden. Von den Blutflecken auf dem Boden. Man sieht in die Gesichter der Frauen, die alle dachten, dass sie sterben müssen. Alice Schwarzer und alle deutschen Gratis-Pazifist/innen sollten sich diesen Film ansehen, bevor sie den nächsten Diktatfrieden gegen den Willen der Opfer fordern.

© Robert Ide
Als die Frauen aus dem Film auf die Bühne der Urania kommen, erheben sich alle. Das ganze Kino steht und heult, minutenlang. „Wir wollen nicht, dass Ihr uns bemitleidet“, sagt Regisseurin Alissa Kowalenko. Auch sie ist vergewaltigt worden. „Wir wollen, dass Ihr uns unterstützt. Wir wollen, dass eines Tages die Gerechtigkeit siegt über die Normalisierung des Terrors.“ Ich spüre, dass ich genau deshalb weine. Weil wir/zu viele/ich nichts tun.