„Schockverliebt in meine Mannschaft“: Trotz Pleite lobt Trainer Tuchel seine Bayern

Der FC Bayern steht nach einem mitreißenden Champions-League-Gipfel mit Manchester City vor dem Aus. In einer höchst unterhaltsamen Königsklassen-Show verspielten die Münchner am Dienstag beim 0:3 (0:1) auch durch eigene Fehler nach der Pause eine bessere Ausgangslage für das Rückspiel am kommenden Mittwoch zu Hause.

Nur ein großer Abend kann die Bayern, die auch schon im DFB-Pokal vorzeitig gescheitert sind, nun noch retten.

Nach einem Traumtor von Rodri (27. Minute) leitete Dayot Upamecano mit einem schweren Patzer das 0:2 durch Bernardo Silva (70.) ein. Superstürmer Erling Haaland, Vorbereiter beim 2:0, schockte die Bayern mit einem weiteren Treffer (76.).

Bayern-Trainer Thomas Tuchel lobte seine Mannschaft dennoch in höchsten Tönen. „Ich weigere mich, da irgendwie die Leistung schlechtzureden. Ich habe eine sehr, sehr gute Leistung gesehen bis zur 70. Minute. Ich bin hochzufrieden“, sagte Tuchel bei Amazon Prime Video.

Da war absolut mehr drin, wir hätten viel mehr verdient.

Thomas Tuchel, Trainer des FC Bayern München

„Da war absolut mehr drin, wir hätten viel mehr verdient.“ Er habe auch seiner Mannschaft gesagt, dass er sich weigere, das Spiel am Ergebnis aufzuhängen, erklärte Tuchel. Er und die Profis des deutschen Fußball-Rekordmeisters waren nach der Niederlage im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League schnell in der Kabine verschwunden.

Es sei natürlich ein ganz bitteres Ergebnis, das sie erstmal verdauen müssten, räumte Tuchel ein, der als neuer Bayern-Coach vor einer Woche erst im Viertelfinale des DFB-Pokals ausgeschieden war. Er habe schon das volle Programm bekommen, meinte Tuchel, „aber heute bin ich schockverliebt in meine Mannschaft“.

Es habe Spaß gemacht, sie zu coachen. Für das Rückspiel am Mittwoch kommender Woche in München kündigte der 49-Jährige, der 2021 mit dem FC Chelsea die Champions League gewonnen hatte, an: „Abgeschenkt wird nix.“

Tuchel feuerte bei Wind und Regen an

Angetrieben vom früheren Manchester-Star Leroy Sané schnupperten die Münchner zwar wiederholt am Ausgleich, doch die Cityzens waren offensiv einfach wuchtiger. Bei Wind und Regen feuerte Tuchel, der auf Kapitän Thomas Müller in der Startelf verzichtet hatte, sein Team ebenso emotional mit Gesten und Rufen von der Linie aus an, wie der frühere Münchner Trainer Pep Guardiola das Heim-Team. Seine Starauswahl unterstrich imposant, warum City der große Favorit auf den Titelgewinn in dieser Saison ist.

Es habe Spaß gemacht, die Mannschaft zu coachen, sagte Bayern-Trainer Tuchel nach dem Spiel.
Es habe Spaß gemacht, die Mannschaft zu coachen, sagte Bayern-Trainer Tuchel nach dem Spiel.
© AFP/OLI SCARFF

Die beiden Trainer-Giganten reichten sich schnell noch mit einem Lächeln die Hände, dann konnte es losgehen. Und wie! Im Dauerregen standen Tuchel und Guardiola unter Vollstrom, bisweilen nur ein paar Meter voneinander entfernt. Und auf dem rutschigen Rasen versuchten die Münchner, die massive Manchester-Startphase erstmal zu überstehen.

 Ich liebe Thomas, aber wir erwarten kein typisches Thomas-Müller-Spiel.

Thomas Tuchel, Bayern-Coach

Tuchel hatte sich aus taktischen Gründen gegen Müller entschieden. „Ich liebe Thomas, aber wir erwarten kein typisches Thomas-Müller-Spiel“, hatte der Bayern-Coach beim Streamingdienst Amazon Prime Video betont. Den Verletzungsausfall von Eric Maxim Choupo-Moting versuchten die Münchner mit Beweglichkeit in der Offensive zu kompensieren. Schnell, wendig und dribbelstark waren die geforderten Prädikate.

Und es deutete zunächst einiges darauf hin, dass Tuchel seine Mannschaft gut auf die gefürchtete Guardiola-Elf eingestellt hatte, die in den vergangenen acht Pflichtspielen acht Siege mit 31:3 Toren erzielt hat – darunter das 7:0 im Achtelfinal-Rückspiel daheim gegen RB Leipzig mit dem Fünferpack von Haaland.

Nicht zu halten: Erling Haaland (r.) bereitete einen Treffer vor und erzielte das 3:0 selbst.
Nicht zu halten: Erling Haaland (r.) bereitete einen Treffer vor und erzielte das 3:0 selbst.
© imago/PA Images/IMAGO/Nick Potts

Die Bayern hatten nach Aussage von Sportvorstand Hasan Salihamidzic vor rund einem Jahr „nicht das nötige Kleingeld“ für den Norweger gehabt. Relativ im Griff hatten sie ihn nun. Eine halbe Chance in der fünften Minute, ein mutig-optimistischer Pass im letzten Moment von Bayern-Keeper Yann Sommer vor Haaland und weiterer Schuss des 22-Jährigen, den der Schweizer problemlos parierte – das war’s erstmal vom Haaland.

Musiala mit der Chance zur Führung

Der Startminutendrang von City war etwas gebremst, die Bayern boten Manchester wenig Räume und versuchten ihrerseits, den Ball zu halten. Trotz des massiven Potenzials von Manchester musste ein Kunstschuss her.

Sekunden zuvor hatte Nationalspieler Jamal Musiala noch die Bayern-Führung auf dem Fuß gehabt, sein Schuss aus rund zwölf Metern wurde aber abgeblockt. Auf der Gegenseite ließ sich Musiala zu leicht austricksen und Rodri nahm Maß, der Ball schlug im Tordreieck ein. An der Seitenlinie reckte Tuchel aus Frust die Arme nach oben, parallel drehten sich die beiden Trainer-Stars mit unterschiedlicher Gefühlslage Richtung Bank.

Und mit dem Tor kam auch wieder die Souveränität im Spiel von Manchester zurück. City demonstrierte, die Mannschaft der Titelfavorit ist. Die Bayern hielten aber weiter gut dagegen. Es fehlte aber an der Wucht. Gefährlich wurde es vorn, wenn Ex-City-Profi Sané beteiligt war wie bei einem Distanzschuss in der Nachspielzeit der ersten Hälfte.

Gündogan und Sane glänzten vor den Augen von Flick

Im Spiel nach hinten verdiente sich Dauerkämpfer Joshua Kimmich Bestnoten, die Topchance zum möglichen 2:0 durch City-Kapitän und Nationalspieler Ilkay Gündogan nach einem Abklatscher von Sommer beim Herauslaufen konnte aber auch Kimmich nicht verhindern. Letztlich machte Sommer seinen Patzer wieder gut und parierte mit dem Fuß.

Halbzeit-Fazit von Bundestrainer Hansi Flick: „Das Spíel ist auf einem sehr hohen Niveau.“ Man habe aber schon gemerkt, dass beide Mannschaften Respekt voreinander hätten. Vor den Augen auch von Flick, der ihn zuletzt nicht nominiert hatte, verbuchte Sané mit einem Flatterball den ersten Torschuss Sekunden nach dem Seitenwechsel und leitete turbulente Minuten ein.

Upamecano ungewohnt fahrig

Zunächst mit einer weiteren Sané-Chance, aber wieder parierte Ederson. Nach einem Missverständnis zwischen Sommer und dem unglücklich agierenden Dayot Upamecano ging es im Bayern-Strafraum hoch her, nur mit viel Mühe und Glück verhinderten die Bayern den zweiten City-Treffer.

Und wieder auf die andere Seite, wieder Sané, wieder Ederson. Danach musste noch mal Sommer sein ganzes Können aufbieten gegen eine immer wieder von Kevin De Bruyne angetriebene City-Mannschaft – der Belgier musste aber gut zwanzig Minuten vor dem Ende angeschlagen raus. Auch Tuchel tauschte Personal: Sadio Mané, einst beim FC Liverpool, kam für Musiala.

Das Problem aber war hinten. Upamecano wirkte die ganze Zeit schon nicht sicher und verlor völlig unnötig an Jack Grealish den Ball. Pass zu Silva, Tor. Tuchel schüttelte entgeistert den Kopf. Die Bayern taumelten gewaltig. Und Haaland gab ihnen den Rest. Nach dem Aus im DFB-Pokal gegen den SC Freiburg im Viertelfinale braucht der FC Bayern nun ein Fußball-Wunder, um in der jungen Ära Tuchel nicht schon in der kommenden Woche die nächste Titelchance endgültig abhaken zu müssen. (dpa)

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