Empathie als Instrument der Manipulation?: Amerikas Rechte machen gegen das Mitleid mobil
Dies ist ein Experiment. Sie kennen ein kleines Mädchen, das an einer lebensbedrohlichen Krankheit leidet. Sie stehen dem Mädchen sehr nahe. Es steht auf einer Warteliste für eine neuartige Therapie, durch die die Krankheit geheilt werden könnte. Sie haben die Möglichkeit, den Namen des Mädchens auf der Warteliste ganz nach oben zu schieben. Tun Sie das?
Das Beispiel stammt von dem Psychologen und Verhaltensforscher Paul Bloom. Er hat lange Zeit an der Yale University in New Haven (USA) unterrichtet und lehrt inzwischen an der University of Toronto in Kanada. Vor zehn Jahren veröffentlichte Bloom ein Buch mit dem Titel „Against Empathy“, das einiges Aufsehen erregte.
Mitfühlende entscheiden für Vorzugsbehandlung
In dem Experiment sagten zwei Drittel der Teilnehmer, die sich selbst als besonders mitfühlend charakterisiert hatten, dass sie den Namen des Mädchens nach oben rücken würden. Ist ein solches Verhalten gerecht? Alle anderen Patienten würden dadurch länger auf ihre Behandlung warten müssen. Die Vorzugsbehandlung des Mädchens könnte sogar zum Tode anderer Patienten führen.
Blooms These: Ein unreflektiert positives Image des Mitleidens, das sich auf aktuell ins Blickfeld geratene Menschen und Situationen richtet, kann gefährlich sein. Dadurch würden die mittel- und langfristigen Folgen der Hilfe oft ausgeblendet. Als alleiniger Maßstab moralischen Handelns tauge Empathie nicht. Bloom plädiert für eine „rationale Mitmenschlichkeit“.
„Ich bin nicht gegen Moral“, sagt Bloom, „gegen Mitgefühl, Freundlichkeit, Liebe, gute Nachbarschaft und Menschlichkeit.“ Er habe das Buch geschrieben, weil er all diese Dinge befürworte. „Ich möchte die Welt zu einem besseren Ort machen. Ich bin nur zu der Überzeugung gelangt, dass es der falsche Weg ist, sich dabei auf Empathie zu verlassen.“
In Anlehnung an Bloom, aber bedeutend radikaler argumentieren eine Reihe weit rechts stehender Autoren, die sich in jüngster Zeit in den USA am Begriff der Empathie abgearbeitet haben. Den Anfang machte die christliche Aktivistin Allie Beth Stuckey. Im Oktober 2024 erschien ihr Buch „Toxic Empathy: How Progressives Exploit Christian Compassion“.
Wer dagegen ist, wird als kalt und herzlos stigmatisiert
Entlang von fünf kulturkämpferisch aufgeladenen Begriffen – Abtreibung, Geschlecht, Sexualität, Einwanderung, soziale Gerechtigkeit – wirft Stuckey „den Linken“ vor, das Gefühl der Empathie zu einem Instrument der Manipulation gemacht zu haben. Den Menschen würde eingeredet, progressive Positionen als Beweis ihrer Anteilnahme einnehmen zu müssen. Wer gegen diese Positionen sei, werde schnell als kalt und herzlos stigmatisiert.
Auch der rechtsevangelikale Theologe Joe Rigney schreibt aus einer dezidiert christlich-fundamentalistischen Warte heraus. Im Februar 2025 erschien von ihm „Leadership and the Sin of Empathy: Compassion and Its Counterfeits“. Rigneys These: Wer den Geboten der Heiligen Schrift folgt, kann in Konflikt geraten mit individuellem Leid. Gemeint sind Homosexualität und Transsexualität, die von Rigney abgelehnt werden. Die christlichen Gebote aber stehen über dem individuellen Leid.
Mitleid als Sünde: Das lässt sich allenfalls noch toppen durch Gad Saads „Suicidal Empathy: Dying to Be Kind“, das in diesem Jahr erschien. Der Autor ist kanadischer Marketingprofessor an der John Molson School of Business der Concordia University, und er befürchtet nichts Geringeres als die Selbstzerstörung der westlichen Zivilisation durch ein Übermaß an Empathie.
Kann es das geben? Ein Übermaß an Mitleid? Die spontane Antwort lautet: Nein. Aus Einfühlung, der emotionalen Anteilnahme, kann moralisch wertvolles Handeln entstehen. Christen orientieren sich am Gleichnis des barmherzigen Samariters. Der Kern der Mitleidsethik des Philosophen Arthur Schopenhauer lautet: „Verletze niemanden und hilf allen, so viel du kannst.“
In der Philosophiegeschichte stieß Mitleidsethik auf Widerspruch
Doch in der Philosophiegeschichte stieß die Mitleidsethik, der zufolge Empathie die höchste moralische Richtschnur sein müsse, von Beginn an auf Widerspruch. Die Stoiker etwa stellten das Mitleid mit dem Neid auf eine Stufe: Wer Leid empfindet an eines anderen Unglück, der leidet auch an eines anderen Glück.
Der römische Philosoph Seneca schrieb in seinem Essay „Über die Milde“: „Der Weise fühlt kein Mitleid, weil dies ohne Leiden der Seele nicht geschehen kann. Alles andere, das meiner Ansicht nach die Mitleidigen tun sollten, wird er gern und hochgemut tun: zu Hilfe kommen wird er fremden Tränen, aber sich ihnen nicht anschließen.“
Das klingt nach Paul Bloom. Auch für Immanuel Kant und Friedrich Nietzsche galt: Nicht Gefühle sollen die Grundlage der Moral sein, sondern die Vernunft.
Mitleid ist oft parteiisch
Die ernst zu nehmende, also nicht agitatorisch-kulturkämpfende Mitleidskritik steht auf drei Säulen. Erstens sei Mitleid oft parteiisch. Die einen fühlen mit Flüchtlingen, die anderen mit jenen, die Angst vor Überfremdung haben. Die einen fühlen mit Corona-Infizierten, die anderen mit jenen, die sich aufgrund der Pandemie-Regeln nicht von ihrem todkranken Elternteil verabschieden konnten.
Menschen identifizieren sich mit einem konkreten Schicksal und verlieren dabei aus den Augen, welche Folgen die Behebung dieses Schicksals für andere Gruppen haben können.
Zweitens sei Mitleid oft willkürlich, die Fähigkeit dazu begrenzt. Wir fühlen mit den Terroropfern, den Klimawandelopfern, den getöteten Zivilisten in der Ukraine. Gleichzeitig hungern weltweit rund 645 Millionen Menschen. Über sie wird nicht oder nur wenig berichtet.
Globale Empathie ist unmöglich
Würde jedes Drama aus jedem Winkel der Welt in unser Bewusstsein dringen, gäbe es eine allgegenwärtige Katastrophenpräsenz, die unseren Seelenhaushalt überfordert. Globale Empathie ist unmöglich. Kein Einzelner kann mit jeder geschundenen Kreatur jederzeit mitleiden.
Drittens sei ein Übermaß an Mitleid gesundheitsgefährdend. Hyperempathisch veranlagte Menschen sind wie eine hochsensible Antenne, die jedes Gefühl aufnimmt und widerspiegelt. Die Gefühle anderer sind ihre Gefühle. Das Fremde wird zum Eigenen, aus zwei Menschen einer. Das ist anstrengend und kann zu emotionaler Erschöpfung führen.
In dem Science-Fiction-Film „Das fünfte Element“ (mit Bruce Willis) muss eine außerirdische Frau namens Leeloo (Milla Jovovich) die Welt retten. Um die Menschen besser zu verstehen, sieht sie sich stundenlang und im Zeitraffer Szenen aus der Menschheitsgeschichte an. Rollende Panzer, Krieg, Atombombenexplosion, Zerstörungen. Am Ende bricht Leeloo traumatisiert zusammen.
Empathie kann zum Handeln führen
Empathie kann zum Handeln führen, zu Hilfsbereitschaft, Solidarität und Menschlichkeit. Sie kann zur Unterstützung führen, wenn sie den anderen stärkt, statt ihn nur zu bedauern. Der Mitleidige darf aber nicht zum Schaulustigen werden, den das Ereignis lediglich fesselt, in den Bann zieht, erregt.
Aber gerade, wer aus Mitleid handelt, muss die Folgen abwägen. Die Bilder von hungernden Menschen in Somalia wurden Anfang der neunziger Jahre von CNN in alle Wohnzimmer übertragen. Abend für Abend umschwirrten Fliegen ausdruckslose Kinderköpfe. Die Bilder ließen sich kaum aushalten. Die Berichte führten zur ersten humanitären Intervention der Vereinten Nationen.
Die Operation „Restore Hope“ begann. Aus Mitleid war Eingreifen geworden. Ein knappes Jahr später, in der „Schlacht von Mogadischu“, töteten somalische Milizen 18 amerikanische Soldaten und schleiften deren Körper durch die Straßen der Stadt. Das war das bittere Ende von „Restore Hope“.