Der Wettbewerb des Cannes-Festivals: Ohne Hollywood, dafür wieder mit Sandra Hüller
Dass der Umbruch in der amerikanischen Filmindustrie, die Abkehr von großen Autorenfilmen – obwohl mit „One Battle After Another“ gerade erst noch ein solcher bei den Oscars abgeräumt hat –, sich auch in der diesjährigen Auswahl des Cannes-Festivals bemerkbar machen würde, hatte Thierry Frémaux bereits vor einer Woche im Interview mit dem Branchenmagazin „Variety“ angekündigt.
Aber Hollywood erfüllt für Cannes ohnehin nur die Funktion eines Aufmerksamkeitsverstärkers, der ein angenehmes Grundrauschen für das Weltkino liefert. Quentin Tarantino, Tom Cruise, Cate Blanchett und Denzel Washington sind an der Croisette gern gesehene Gäste, aber die Stärke von Cannes hat sich in den vergangenen Jahren vor allem darin bestätigt, dass hier die internationalen Triumphzüge – bis zu den Oscars – von Filmen wie „Parasite“ (Südkorea), „Drive My Car“ (Japan), „Anatomie eines Falls“ (Frankreich), „The Secret Agent“ (Brasilien) und „Sentimental Value“ (Norwegen) begannen.
Auf diese Liste darf sich Frémaux einiges einbilden. In „Variety“ sagte er zu diesem Punkt sinngemäß, dass Cannes momentan den state of the art der Filmkunst definiere. Um einen Mangel an Stars muss er sich auch in diesem Jahr keine Sorgen machen, die finden schon seit Längerem abseits von Hollywood ihre besten Rollen.
Als einziger US-Regisseur ist dieses Jahr Ira Sachs mit dem Aids-Ära-Musical „The Man I Love“ mit Rami Malek in der Hauptrolle im Wettbewerb vertreten. Gespannt darf man sein, ob das allseits erwartete Krimi-Drama „Paper Tiger“ von Cannes-Darling James Grey (mit Adam Driver, Scarlett Johansson und Miles Teller) zu den Titeln gehört, die noch nachnominiert werden.
Sandra Hüller und Valeska Grisebach im Wettbewerb
Auch der deutsche Film zeigt in diesem Jahr wieder Präsenz. Ihre Premiere im Wettbewerb feiert die Berliner Regisseurin Valeska Grisebach mit „Das geträumte Abenteuer“, ihrem ersten Film seit „Western“, der 2017 ebenfalls in Cannes in der Reihe Un Certain Regard seine Weltpremiere feierte. Und wie der Vorgänger begibt sich auch „Das geträumte Abenteuer“ wieder ins östliche Europa, in das Grenzgebiet zwischen Bulgarien, Griechenland und der Türkei, wo eine junge Frau einen undurchsichtigen Handel eingeht, um einem alten Bekannten zu helfen.
Im vergangenen Jahr gewann Mascha Schilinski mit ihrem komplexen Frauenporträt „In die Sonne schauen“ den Preis der Jury; möglicherweise findet der Jury-Vorsitzende Park Chan-wook ebenfalls Gefallen am deutschen Autorinnenkino. Grisebach ist neben der Österreicherin Marie Kreutzer und der Französin Léa Mysius eine von fünf Regisseurinnen im Wettbewerb um die Goldene Palme.

© Studio Canal
Mit Sandra Hüller ist auch das momentan bekannteste Gesicht des deutschen Films erneut im Wettbewerb vertreten, diesmal in dem lang erwarteten Nachfolger des Oscar-Gewinners „Cold War“ vom polnischen Regisseur Paweł Pawlikowski. In „Vaterland“ spielt Hüller Erika Mann, die Tochter des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann (Hanns Zischler). Vater und Tochter begeben sich in den Nachkriegswirren auf die Reise durch ein Land in Trümmern, vom amerikanischen Sektor bis in das von der Sowjetunion besetzte Weimar. Pawlikowski ist ein Meister darin, in seinen Filmen der Mentalität im Europa der 1950er Jahre nachzuspüren, nüchtern und empathisch. Zweifellos ein weiterer großer Wurf von Hüller.
Carte blanche für den spanischen Altmeister Pedro Almodóvar
In der Reihe Cannes Premiere wird zudem der neue Film von Volker Schlöndorff, „Heimsuchung“ laufen, die Verfilmung des gleichnamigen Epochenromans von Jenny Erpenbeck, mit Martina Gedeck, Susanne Wolf, Lars Eidinger und Ulrich Matthes in den Hauptrollen. Diese eher kuriose Sektion ist zu einer Art Sammelbecken für die Altmeister und die Vergessenen geworden. So darf hier auch John Travolta sein Regiedebüt „Propeller One-Way“ präsentieren.
Das Herz des Festivals aber ist dem internationalen Autorenkino der Gegenwart – und vielleicht auch der Zukunft – gewidmet. Mit Asghar Farhadi, Hirokazu Kore-eda, László Nemes, Ryusuke Hamaguchi, Andrei Swjaginzew, Lukas Dhont und Cristian Mungiu sind viele der aktuell maßgeblichen Autorenfilmer in diesem Jahr im Wettbewerb vertreten. Dazu Pedro Almodóvar, dessen Beitrag „Bitteres Fest“ in seiner Heimat Spanien bereits mit großem Erfolg läuft; der Spanier ist der einzige Filmemacher, der dieses Privileg in Cannes genießt.
Auch in diesem internationalen Feld fehlen die großen Stars nicht: So hat der Rumäne Mungiu in Norwegen gedreht, mit Renate Reinsve und Sebastian Stan, während der Film des iranischen Exilanten Farhadi mit Isabelle Huppert und Catherine Deneuve auftrumpfen kann. (Letztere hat auch eine Rolle in Kreutzers „Gentle Monster“ an der Seite von Léa Seydoux.)