Den Normalos schwindet das Weltvertrauen

Da ist Julia, Ende dreißig, Keramikerin, scheu. Sie und ihr Mann Chris, ein Biologe, leben erst seit Kurzem im Dorf am Nord-Ostsee-Kanal. Aus der Altbauwohnung in der Großstadt sind sie in ein selbst renoviertes Backsteinhäuschen gezogen. Efeu grüßt durchs Fenster.

Und da ist Astrid, Anfang sechzig, Ärztin, patent. Ihr Mann Andreas war bis vor Kurzem Geschichtslehrer in der Kreisstadt, wo Julia ihren Atelierladen mit Onlineshop und Astrid ihre Praxis hat. Nun ist er ein Rentner, der mittags im Schlafanzug im Wohnzimmer hockt, Nachrichten aus den USA und dem Europa der jüngeren Vergangenheit inhaliert und sich so um den politischen Zustand der Welt sorgt wie Chris um den ökologischen.

Zwei parallel erzählte Frauenleben

Es sind Normalos, Mittelständler in geordneten Verhältnissen, die die Hamburger Schriftstellerin Kristine Bilkau in Form parallel erzählte Ehen an unterschiedlichen Lebenspunkten erst gegenüberstellt und dann miteinander verknüpft. Der schleichenden Furcht vor dem sozialen Abstieg in genau so einer Normalofamilie, die Bilkau 2015 in ihrem preisgekrönten Debüt „Die Glücklichen“ beschrieb, entspricht das schwindende Urvertrauen in die Welt und die Menschen, von dem „Nebenan“ erzählt.

Vor der Verfallskulisse einer namenlosen Kleinstadt mit sterbendem Zentrum und eines Dorfes, in dem die Alten in den Siedlerhäuschen nach der Abwanderung des Nachwuchs keinerlei Verbindung zu den Familien der Neubausiedlung haben, in der sich „Bauhaus und Friesenstil im Wechsel“ aneinanderreihen.

In ihrer klaren, schnörkellosen, sparsam mit Naturimpressionen geschmückten Sprache schildert die Autorin den Einzug des Misstrauens in die Provinz. Aber nicht in Form einer Horrorgeschichte, in der das rätselhafte Verschwinden der Familie mit drei Kindern aus dem Nachbarhaus, um das „Nebenan“ kreist, erwartbar als Verbrechen aufgelöst wird.

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Vielmehr schiebt Bilkau den gelben Klinkerbau mit dem überquellenden Briefkasten, der gleich neben Julias Haus steht, subtil ins Zentrum ihrer Gedanken. Und dann auch in die von Astrid, weil deren greise Tante Elsa, für die sie sich verantwortlich fühlt, gegenüber lebt. Die Autorin erzeugt kleine Verschiebungen im Alltag, schürt Unsicherheitsgefühle. Berichtet von den Heimlichkeiten und Auslassungen unter Eheleuten. Und beschreibt Frauen, deren Gedankenstrom so von Sehnsüchten und Sorgen erfüllt ist, dass er alles zu überwuchern droht.

Eine alte Frau liegt tot in der Wanne

Julia sehnt sich so nach einem Kind, dass sie endlos Zeit und Geld in Hormontherapie und künstliche Befruchtung investiert. Astrid, deren drei Söhne längst aus dem Haus sind und mit ihren Familien über die halbe Welt verstreut leben, fragt sich, wann der richtige Zeitpunkt für den Ruhestand kommt.

Das Jahr ist erst wenige Tage alt, die Landschaft liegt kahl und verfroren, da entsteht die erste Unwucht in Astrids täglichem Einerlei. Sie wird vorm Morgengrauen zu einem Einsatz gerufen. Eine alte Frau liegt tot in der Badewanne. Der Ehemann will nichts bemerkt haben. Bilkau begegnet dem Alltagsgrauen mit einer kühlen Metapher „Das Wasser in der Wanne ist unbeweglich wie Glas.“

Das Cover von “Nebenan”.Foto: Luchterhand

[Kristine Bilkau: Nebenan. Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2022. 288 Seiten, 24 €.]

Hämatome und Schwellungen am Körper der Frau lassen Astrid ihren natürlichen Tod bezweifeln. Zum Entsetzen des Ehemannes, ruft sie die Polizei und drängt auf eine Obduktion. Der Kosmos Haus, den Julia in ihrem Efeuidyll als Schutzraum gegen die unkontrollierbare Außenwelt empfindet, kann auch Schauplatz von Unachtsamkeiten, oder gar Grausamkeiten sein.

So wie die Nachbarschaft, in der der Sohn von Astrids Freundin Marli, als Teenager einst Igel anzündete und Karnickel auf dem Spielplatz aufknüpfte. Ein für die Mutter unerklärlicher, Furcht einflößender Akt, der sie in tiefe Seelennöte stößt.

So rätselhaft wie die Drohbriefe, die Astrid jemand plötzlich in die Praxis schickt und von denen sie lieber Marli als ihrem Ehemann erzählt. Die Briefe greifen das Nervenkostüm der Kümmerfrau an. „Diese Ahnung von drohendem Unheil verfolgt sie. Sie fühlt sich wie auf dünnem Eis. Sie muss achtgeben. Irgendwas wird passieren, es liegt in der Luft. Ein falscher Schritt und dann.“

Wie soll Gemeinschaft entstehen, wenn Orte fehlen?

Doch „und dann“ kommt nicht. Die Normalität läuft beängstigend selbstverständlich weiter. Die Nachbarsfamilie bleibt verschollen, doch der Horror vacui in den Köpfen der Frauen wird kleiner.

Auch weil Julia erkennt, dass sie für ihre Isolation selbst verantwortlich ist, weil sie ihr vermeintlich imperfektes Leben ständig mit Idealfamilien auf Instagram vergleicht. Und weil sie sich nach Verbindung und Kommunikation sehnt, aber erschreckt zurückweicht, sobald Telefon oder Ladenglocke schellen. Eigentlich ein Großstädtersyndrom. Die gesellschaftlich vereinzelten Individuen der Gegenwart schaffen sich ihre Höllen selber. Das erzählt „Nebenan“ still und kunstvoll.

Wo soll Gemeinschaft auch entstehen, wenn sie keine Orte hat? Die Kaufhausruine auf dem Marktplatz wird gesprengt, Kino, Café und Tanzschule sind lange zu. In diesem norddeutschen Limbo hält Kristine Bilkau ihre Geschichte vom Verschwinden und Finden konsequent in der Schwebe. Nur beim Möchtegern-Mutterschaftsthema trägt sie zu dick auf. Doch dann ist es ausgerechnet Julia, die in einem vorsichtigen Happyend begreift, dass ohne Vertrauen kein Leben gelingt. Gunda Bartels