„Dafür gibt es keinen Applaus“: Berliner Spitzenkandidaten im Gespräch über ihre Pläne für die Kultur

Ein wunder Punkt zum Einstieg: „Kulturpolitik muss einen langen Atem haben, sie muss auf Verlässlichkeit beruhen“, sagte Manos Tsangaris, Präsident der Akademie der Künste, in Richtung des voll besetzten Saals im Akademie-Gebäude am Pariser Platz am Donnerstagabend.

Schnauben aus dem Publikum – Verlässlichkeit ist kein Begriff, den man mit der Kulturpolitik dieser Legislaturperiode verbindet. Zwei Kultursenatoren sind bereits abgetreten: Joe Chialo (CDU) ging im vergangenen Mai, mit dem Ruf, sich nicht genug gegen die Kürzungsvorhaben im Kulturetat eingesetzt zu haben. Seine Nachfolgerin Sarah Wedl-Wilson (parteilos), die in der Kulturlandschaft beliebt war, stürzte nach einem Jahr über die Affäre um rechtswidrig vergebene Fördergelder für Antisemitismus-Präventionsprojekte.

Ende April übernahm der amtierende Finanzsenator Stefan Evers (CDU), der nun zusätzlich für die Kultur zuständig ist, deren Etatkürzungen er zu Chialos Zeiten mit auf den Weg brachte. (Zitat Chialo: „Das läuft top-down“)

Kaum Dissens bei SPD, Linke und Grünen

Öffentliche Auftritte als Kultursenator hat Evers seit seinem Zweitamtsantritt nicht absolviert, umso größer war das Interesse des Publikums, das sich kurz vor dem WM-Eröffnungsspiel bei der Podiumsdiskussion zur Frage „Was ist Berlin die Kultur wert?“ eingefunden hat. Eingeladen waren die Spitzenkandidaten der „demokratischen Parteien“, Elif Eralp (Linke), Werner Graf (Grüne), Steffen Krach (SPD) und eben Evers, der für die CDU wohl als geeigneterer Gesprächspartner erschien als der Regierende Bürgermeister.

Werner Graf (Grüne), Stefan Evers (CDU), Steffen Krach (SPD) und Elif Eralp (Linke) im Gespräch zum Thema "Was ist Berlin die Kultur wert" in der Akademie der Künste, Foto: Timm Kölln
Werner Graf (Grüne), Stefan Evers (CDU), Steffen Krach (SPD) und Elif Eralp (Linke) im Gespräch zum Thema “Was ist Berlin die Kultur wert” in der Akademie der Künste am 11. Juni.

© TIMM KÖLLN

Von Verlässlichkeit und Vertrauen sprachen dann auch alle vier Kandidaten ausführlich, Eralp und Graf aus der im Wahlkampf naturgemäß komfortableren Oppositionshaltung. Auch Steffen Krach wollte möglichst nicht mehr über die von der SPD mitverantworteten Dramen der Vergangenheit sprechen, sondern „nach vorne blicken“, und nannte als kulturpolitische Schwerpunkte seiner Partei den Erhalt von Arbeitsräumen für Künstler, bessere Arbeitsbedingungen und die Umsetzung eines seit Langem in Arbeit befindlichen Kulturfördergesetzes, das unter anderem für eine verlässlichere Planbarkeit im Kulturbetrieb sorgen soll.

Das deckt sich weitgehend mit den Plänen von Grünen und Linken, die am Abend generell kaum Dissens zeigten. Zwischenraumnutzung, Stärkung der freien Szene und Schutz der Kunstfreiheit waren weitere Punkte, bei denen man schnell gemeinsam nickte.

Sie werden von mir keine unrealistischen Versprechen hören.

Kultursenator Stefan Evers

Elif Eralp setzte allerdings noch die Forderung einer kräftigen Finanzspritze für die Kultur obendrauf. Ihre Partei wolle den Etat sukzessive wieder auf drei Prozent des Gesamthaushalts steigern, bis zuletzt war dieser auf circa zwei Prozent geschrumpft.

Auf diesen Punkt ging Evers schließlich konkret ein und nutzte ihn, um sich vom Rest der Runde abzugrenzen. „Man kann hier jetzt alles versprechen (…). Aber wenn jemand an diese drei Prozent glaubt, dann erkennt er die Realität nicht an.“ Man müsse sich vor allem damit beschäftigen, wie man Resilienz schaffen könne.

Diese Forderung kultivierte einst Joe Chialo, eine langfristige Strategie jenseits des Sparkurses blieb er allerdings schuldig. Wedl-Wilson hatte immerhin mit der Arbeit an einem Zukunftskonzept namens „Berlin 2035“ begonnen, dessen Zukunft nun aber ebenfalls in den Sternen steht.

Wie man diese Resilienz denn steigern könne? „Durch ehrlichen Umgang miteinander!“, so die Antwort des ehemaligen Unternehmensberaters Evers. „Das findet jetzt vielleicht keinen Applaus. Aber sie werden von mir keine unrealistischen Versprechen hören.“

„Wir wollen nicht alles versprechen“, entgegnete Eralp zum Ende der Veranstaltung, „aber es ist doch wichtig, Ziele zu beschreiben!“ Bei der Koalition sei nicht erkennbar, dass es überhaupt Ziele gebe. Dem setzte der amtierende Kultursenator an diesem Abend inhaltlich wenig entgegen.