Annette Pehnts Roman „Die schmutzige Frau“: Rettung durch die Sprache

Man kann die Geschichte so erzählen: Eine langjährige Ehe ist in eine schwere Krise geraten. Der Ehemann kauft seiner Frau eine schöne Wohnung hoch über der Stadt, damit er sie los ist, eine Entsorgung de luxe sozusagen. Man kann die Geschichte aber auch anders erzählen: Eine Ehe ist in eine schwere Krise geraten, die Ehefrau will weg, möchte sich ganz dem Schreiben widmen und zieht in die Wohnung, die ihr Mann kürzlich gekauft hat. Diese zweite Version ist allerdings eine subtile Form von Realitätsklitterung: Insgeheim weiß die Frau genau, dass ihr Mann hier die Fäden zieht und seine Entscheidung geschickt als ihren Wunsch verbrämt, damit sie sich besser fühlen kann.

Vom Zusammenbruch einer Ehe, Machtspielen, Ohnmacht und Einsamkeit handelt der neue Roman von Annette Pehnt, der in Versen erzählt ist, aus der Ich-Perspektive der Ehefrau. Sie bleibt wie die meisten Figuren namenlos, ebenso ihr Ehemann, den sie „Meinmann“ nennt Die Geschichte, das deutet die Autorin damit an, ist zwar individuell, aber gleichermaßen auch universell. Ehen erodieren, weil der Alltag, die Kinderbetreuung auf ihnen lasten, weil die Defizite des Partners irgendwann nicht mehr tolerierbar erscheinen. Am Ende des Tages bleibt die große Ermattung: „Die Müdigkeit nach einem Tag voll hoher Stimmen und / umgestoßener Saftgläser (…) Die trägen Gedanken, die sich nicht mehr aufpolieren / ließen, wenn sie doch hätten leuchten sollen.” 

Was diese Ehe zermürbt, ist nicht der große Krach, es sind die kleinen, feinen Stressoren, die die Ehefrau wie vergiftete Pfeile treffen. Etwa, wenn die Stimme des Mannes schärfer wird, sobald seine Frau anderer Meinung ist als er. Dann beschleunigt sich ihr Puls, „als nähere sich eine Gefahr“. Rhetorisch ist sie ihrem eloquenten Gatten unterlegen, und das nutzt er systematisch aus und macht sie auf hinterhältige Weise klein.

Dafür, dass sie sich Zeit zum Schreiben nimmt, zahlt sie einen hohen Preis

Das hört auch nicht auf, nachdem sie ausgezogen ist: Er besucht sie unangemeldet, bringt ihr Essen, Kosmetika, als sei sie in Hausarrest, schleppt Freunde an, ohne sie vorher zu informieren, er bleibt der Chef, auch wenn sie – im Sinne von Virginia Woolf – eine Wohnung für sich allein hat. Seine Ausrede ist simpel, sie habe kein Handy, sei also nicht erreichbar, weil sie schließlich ungestört sein wolle. Auch hier greift wieder sein bewährtes Mantra: Du wolltest es ja nicht anders. Nuanciert schildert Annette Pehnt die Strategien gekonnter Manipulation, ihr Roman ist ein psychologisches Lehrstück – glücklicherweise ganz ohne Psycho-Jargon.

Dafür, dass die Ehefrau Zeit zum Schreiben hat, zahlt sie einen hohen Preis. Die schöne Wohnung oberhalb der Stadt ist ein goldener Käfig, und sie selbst ist darin weniger ein Paradiesvogel als vielmehr eine etwas lahme Taube. Zwar wünscht sie sich gelegentlich einen Liebhaber, doch letztlich sucht sie keinen Kontakt zur Außenwelt. Sie zieht sich in sich zurück, wärmt sich an schönen Erinnerungen, den harmonischen Momenten, die sie mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern erlebt hat. Eine Eigenbrötlerin, die immer mehr aus der Welt fällt – solche Figuren trifft man bei Annette Pehnt häufig.

Das Motiv der Frau, die der Welt abhandenkommt, findet im Roman eine Doppelung: Es ist die „schmutzige Frau“, die sich nicht wäscht und sich damit den sozialen und hygienischen Normen verweigert. Annette Pehnt hat diese Figur bereits in ihrem „Lexikon der Liebe“ (2017) eingeführt, jetzt ist sie die Hauptfigur einer Reihe von Geschichten, die die Handlung immer wieder unterbrechen. Diese Geschichten sind die Texte, die die Ehefrau zu Papier bringt, wenn sie einsam in ihrem Wolkenkuckucksheim hockt. So ist die schmutzige Frau mit den grünen Augen, die immer wieder mit fremden Männern mitgeht, um sich bei ihnen für kurze Zeit auszuruhen, eine entfernte Verwandte der Erzählerin. Beide sind auf ihre Weise verwahrlost, die eine mehr äußerlich, die andere innerlich, beide erscheinen seltsam unerlöst.

Am Ende dieses handlungsarmen Romans verlässt die Ehefrau dann doch noch die Wohnung. Sie geht durch die dunkle, leere Stadt, um letztlich bei einem Ex-Freund zu klingeln. Der Gelehrte, ein Eigenbrötler wie sie, der alte Handschriften studiert, nimmt sie bei sich auf – so wie die schmutzige Frau, die ewige Vagabundin, die immer wieder bei fremden Männern logiert.

Annette Pehnts verschachtelter Roman kommt zwar in Versen daher, man kann die Geschichte aber auch als Prosatext lesen, die Autorin erzählt in einem lockeren Fluss. Der Vorteil dieser Form ist, dass Pehnt immer wieder einzelne Sätze hervorheben kann, mit oft überraschenden Bildern, in denen manchmal sogar eine Spur Humor aufblitzt. Wenn zum Beispiel die Ehefrau sich in ihrer Wohnung wie im Bauch eines Wals fühlt und darüber nachdenkt, wie man hier überhaupt einen Liebhaber einschleusen könnte.

Der Versroman hat eine lange Tradition, er geht zurück auf die Ritterromane des Mittelalters, in denen männliche Helden Abenteuer zu bestehen haben. Die Ehefrau hier ist keine Kämpferin und der Roman auch kein „Heldinnen-Epos“, wie es jüngst Anne Weber über eine Résistance-Kämpferin geschrieben hat – ebenfalls als Versroman. Annette Pehnts Ehefrau rebelliert nicht, sondern lässt geschehen. Dafür hat sie eine andere Waffe, mit der sie sich zwar nicht verteidigen kann, die aber ihrem neuen, abgeschiedenen Leben Sinn gibt: die Sprache. Sie ist die eigentliche Hauptfigur in diesem feinen, ungewöhnlichen Roman über das Scheitern einer Ehe und die Selbstermächtigung durch das Schreiben.

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