Berlin News: SOS: Wie drei Punkte und drei Striche zum Notruf wurden

Drei Punkte, drei Striche, drei Punkte – das Morsesignal “SOS” ist längst über seine ursprüngliche Bedeutung in der Seefahrt hinaus zum Symbol für Hilferufe jeder Art geworden. Ob im Liebeslied der schwedischen Pop-Superstars ABBA (“SOS”, 1975) oder als Namenspate für Hilfseinrichtungen für Kinder (“SOS-Kinderdorf”, seit 1949) – die Nennung der drei Buchstaben weckt sofort den Gedanken an Rettung aus der Not.

Chaos auf See

Vor dem 20. Jahrhundert gibt es keinen einheitlichen Notruf auf See. Genutzt werden damals vor allem Flaggen- oder Leuchtsignale, Raketen, Kanonenschüsse oder Nebelhörner. Schiffe in Sicht- oder Hörnähe werden auf diese Weise zu Hilfe gerufen. Mit der drahtlosen Telegrafie kommen später eigene Funknotrufe hinzu, die über weite Strecken und auch bei Nacht und Nebel wahrzunehmen sind – je nach Land und Reederei gelten seinerzeit allerdings unterschiedliche Signale.

Die Berliner Konferenz von 1906

Um dieses Durcheinander zu beenden, kommen im Oktober 1906 auf Einladung der deutschen Regierung Vertreter von 27 Nationen im Berliner Reichstag zusammen, um internationale Standards für die drahtlose Seefunktelegrafie festzulegen. Noch heute erinnert eine Gedenkplatte am Gebäude daran.

Die strittigste Frage: Ob Betreiber von Küsten- und Schiffsstationen den Austausch von Funktelegrammen aus anderen Systemen behindern dürfen. Der erfolgreiche italienische Erfinder, Geschäftsmann und spätere Nobelpreisträger Guglielmo Marconi (1874-1937) hatte Betreibern seines Telegrafensystems untersagt, mit Funkern anderer Unternehmen zu kommunizieren. Davon sahen sich vor allem deutsche Konkurrenten wie Telefunken benachteiligt, so der Diplomat und Rechtsexperte Jovan Kurbalija.

Aus Sicht der deutschen Gastgeber ist die am 3. November 1906 unterzeichnete Vereinbarung ein Erfolg: Alle Anbieter sollen Funktelegramme untereinander austauschen. Umgesetzt wird das jedoch nur zögerlich. Großbritannien und Italien, eng mit dem Marconi-Konzern verbunden, lehnen die Bestimmung ab. Das Monopol bleibt nach Einschätzung Kurbalijas bis 1912 weitgehend bestehen.

Artikel 16: Vorrang für Notrufe

Die fehlende Kooperation stellt damals eine massive Gefahr für Schiffe in Seenot dar. Deshalb wird in Artikel 16 festgehalten: Alle Funkstellen müssen Notrufe von Schiffen mit absolutem Vorrang annehmen, beantworten und die nötigen Schritte einleiten.

Das nun vereinbarte Notsignal im Morsecode lautet “

…—…

” – dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz. Die drei Punkte stehen dabei für den Buchstaben S im Morse-Alphabet, die drei langen für den Buchstaben O. Das Signal lässt sich leicht senden und auch bei schwierigen Empfangsbedingungen zuverlässig erkennen.

Der Code steht nicht für ein Wort und ist auch keine Abkürzung. Die verbreitete Annahme, er bedeute “Save Our Souls” (“Rettet unsere Seelen”), stimmt ausweislich des Konferenzprotokolls nicht. Auch “Save Our Ship” (“Rettet unser Schiff”) gehört zu den späteren Erklärungsversuchen. Der Vertragstext nennt das Signal nie beim Namen “SOS”, sondern gibt den Code nur als Punkte und Striche wieder.

Verbindlich wird das Signal mit dem Inkrafttreten der Berliner Vereinbarung am 1. Juli 1908. Eine Verpflichtung auf dem Papier bedeutet aber nicht, dass alle Funker sofort umstellen. Ältere Notzeichen wie “CQD” bleiben vielerorts in Gebrauch.

“Titanic” gibt den Ausschlag

Den entscheidenden Schub bringt der Untergang des brandneuen Ozeanriesen “Titanic” im April 1912, bei dem nach einer Kollision mit einem Eisberg rund 1.500 Menschen im Nordatlantik ums Leben kommen. Damalige Untersuchungen führen die hohe Opferzahl auch auf Mängel im Funkverkehr zurück. So sendet die Titanic zunächst das bei Marconi übliche Signal “CQD” statt “SOS”. Auf dem nahen Frachter “Californian” sei zudem der Funker zu Bett gegangen, so der Befund des US-Senats.

Eine bereits länger geplante Konferenz in London macht wenige Wochen nach dem “Titanic”-Untergang das Zeichen “…—…” zur Pflicht. Das Abkommen tritt 1913 in Kraft. Weitere Sicherheitsvorschriften – etwa zur ständigen Funkbereitschaft auf See oder der notwendigen Zahl von Rettungsbooten im Passagierverkehr – können erst nach Ende des Ersten Weltkriegs international durchgesetzt werden.

Vom Morsecode zum GMDSS

Die Technik entwickelt sich weiter. Seit 1999 sorgt das GMDSS (Global Maritime Distress and Safety System) für die weltweite Sicherheit in der Seeschifffahrt. Es ersetzt “SOS”-Notrufe über Morsezeichen oder Sprechfunk. Über Funk- und Satellitendienste kann ein Schiff in Not jederzeit und möglichst automatisch Hilfe alarmieren, egal wo es sich auf den Weltmeeren befindet.

Heute stehen die drei Buchstaben auf Notrufsäulen an Autobahnen, Bundesstraßen und Bahnsteigen. Es findet sich vielfach auf den inzwischen vorgeschriebenen Notruf-Tasten neuerer Autos. Es beschreibt eine Funktion im Smartphone. Und es soll den Verkauf schnell wirkender Medikamente oder Kosmetika befördern. Es zeigt sich also: Im Alltag bleibt “SOS” das Synonym für schnelle Hilfe.

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

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