Endzeit im Silent Green: Videokünstler Bjørn Melhus liefert den Trailer zur Apokalypse
Eigentlich will er nur spielen. Aber es ist ihm bitterernst. Und der Humor von Bjørn Melhus ist so abgründig schwarz wie das unendliche All. Wenn da nicht ab und an lichte Sterne aufblinken würden, man könnte verzweifeln. Dass der Künstler auf Utopien beharrt, jetzt erst recht und allem Wissen zum Trotz, macht seine bösen, bizarren Mixturen aus dem medialen Rauschen der Gegenwart nicht bekömmlicher.
Vielleicht, so die Hoffnung, setzt hinterher immerhin ein kathartischer Effekt ein. Eine Erlösung, die gibt es nicht, angesichts der technoiden Apokalypse.
Björn Melhus hat in seinem persönlichen Umfeld und auch in der Gesellschaft beobachtet, dass ein Gefühl von Endzeitstimmung sich breitmacht. Niemand glaube mehr an ein Happy End, das doch früher in den Science-Fiction-Filmen immer sicher schien. Er begann, sich mit dem jahrtausendealten Thema des Weltuntergangs zu befassen. Den passenden Ausstellungsort dafür bietet das „Silent Green“ im Wedding, ein ehemaliges Krematorium, jetzt Kreativoase.
Melhus macht sich selbst lächerlich
Als Fundus für seine neue Schau nahm der Video- und Multimediakünstler sein eigenes Schaffen aus 40 Jahren, das er zerschnippelt, neu gesampelt und zu einer begehbaren Installation gemixt hat. Wer noch mehr will: In einem zusätzlichen Kinoraum läuft eine regelrechte Retrospektive mit vier Stunden Melhus in Themenblöcken. Auch seine Meisterschülerarbeit ist dabei: Im Doppel geklont mit knallrotem Dress zeigt er sich hier als naiver Blondschopf.

© Eröffnung, Bjørn Melhus: LOST IN FINITY, ©Bernd Brundert
Seiner Strategie, sämtliche Rollen selbst zu spielen und von einer Verkleidung in die nächste zu schlüpfen, blieb er treu. Dafür wurde der 1966 geborene Deutsch-Norweger international berühmt. Sein Grundmaterial bilden gefundene Soundtracks, Stimmen und Dialoge, die er Hollywoodfilmklassikern oder Influencer-Videos entnimmt. Melhus spricht sie so lippensynchron nach, dass es wirkt, als würden all die Frauen, Männer, Kinder aus ihm sprechen. Ein lustiger Verfremdungseffekt, aber auch unheimlich.
„Hello, don´t be scared,” spricht ein Junge im Streifenpyjama mit Kuschelbär den Besuchenden Mut zu, gleich zu Beginn des Parcours. Eine breite Rampe führt ins Dunkel. Früher fuhren hier die Körper der Verstorbenen in die unterirdische Betonhalle hinab, um schön kühl zu lagern, bevor sie ins Feuer geschoben wurden. Jetzt flimmert über die Wände eine rasante Autofahrt durch einen nächtlichen Wald: Das Standardgruselmotiv vieler Kinothriller entfaltet kopfüber gedreht seine Wirkung.

© Bjørn Melhus: LOST IN FINITY, © Bernd Brundert
So geht es weiter, wie durch einen begehbaren Film: vorbei an einer im Dunkeln geparkten US-Limousine mit laufendem Motor und hinaus aus dem anfänglichen Wald. Zuvor warnt flüsternd eine Frauenstimme, dort auf der Lichtung sei es gefährlich. Es spricht die Mutter von „Bambi“. Natürlich wird sie von Melhus verkörpert. Er hat keine Scheu davor, sich selbst lächerlich zu machen.
Als Begleiter für seinen Tauchgang durch die Kulturgeschichte von Endzeitvisionen hat er Dante auserkoren. Die Anfangsverse aus dessen „Göttlicher Komödie“ schimmern an der Wand: Sich im dunklen Wald verirren und nicht mehr weiterwissen? Das beschreibt die globale Stimmungslage gut.
Auch der moderne Altmeister Max Beckmann inspirierte Melhus, mit seinen im NS-Exil entstandenen Illustrationen zur biblischen Apokalypse. Auf Lammfellen sitzend kann man Melhus’ finalen Trailer zum Weltuntergang genießen. Mit suggestivem Beat unterlegt ziehen die biblischen Offenbarungen des Johannes im Videoclip vorüber. Die Pferde der apokalyptischen Reiter wechseln mit den Plagen, den Seuchen (natürlich durch Corona-Viren versinnbildlicht) und dem Lamm.
Dazwischen rauscht ein Regen aus Elon Musk-Cybertrucks hernieder. Melhus schuf diese Arbeit als Stipendiat der Villa Massimo in Rom. Eines Abends am Himmel über der ewigen Stadt sah er eine merkwürdige Reihe heller Lichtpunkte. Es waren die Starlink-Satelliten von Elon Musk.
Als Kind hat Melhus gerne mit seiner Schwester Raumpatrouille gespielt. Der damals benutzte Globus liegt jetzt, zwischen Elektroschrott, auf dem Boden. Der blaue Planet leuchtet noch. Zum Schluss geht es treppauf in eine Raumkapsel: Auf zum Mars als Exitstrategie? Drei US-Filme zum Thema floppten, seither gilt das Genre als Kassengift.
Von gesellschaftlichen Utopien erzählen die letzten Protagonisten, kurz bevor es wieder ans Tageslicht geht. Für diese jüngste Arbeit hat Melhus erstmals mithilfe von KI gearbeitet. Ein Kinderfoto von sich und seiner Schwester erweckte er dafür digital zum Leben. Mit fremden Stimmen schwärmen die Kleinen vom friedlichen Miteinander in einer klassenlosen Gesellschaft der Zukunft. Schöne neue Welt.