Zwischen Kopfsteinpflaster und Schnee: So barrierefrei waren die Paralympics wirklich
Barrierefreie Spiele sollten es werden. In Cortina vor Ort konnten wir testen, ob deren Anspruch auch der Realität gerecht wurde. Unserer Erfahrung nach war es vor allem eines: kompliziert.
Unsere Redaktion ist inklusiv. Anna-Lena Schmid sitzt im Rollstuhl und war bei der Reise auf Assistenz angewiesen. Eigentlich wollten wir gemeinsam mit dem Zug nach Cortina anreisen. Nachhaltiger, vernünftiger. Aber vernünftig war daran am Ende nur eins: es zu lassen. Am Ende war der Nachtzug nach Venedig doch nicht barrierefrei. Also hieß es für einen Teil des Teams: Flug statt Zug. Unsere versuchte Teilhabe scheiterte direkt an der Reiseplanung.
Auch das gebuchte Hotelzimmer war entgegen der Beschreibung nicht barrierefrei. Anna-Lena musste in ein anderes Hotel umziehen, getrennt vom Rest der Redaktion. Abstimmungen, spontane Absprachen und die Tagesplanung wurden dadurch deutlich komplizierter. „Es war schade, aber verständlich. Ich war einmal in einem der Zimmer des Teams, und das wäre gar nicht gegangen“, sagte sie. „Wär natürlich schöner gewesen, zusammen im Hotel zu sein.“
In Cortina selbst warteten auf uns Kopfsteinpflaster, Baustellen, und viele, viele Höhenmeter. Bei schlechtem Wetter wurde es schnell kräftezehrend für Anna-Lena, selbst mit Zuggerät am Rollstuhl. „Ich bin direkt nach einem halben Meter im Schnee stecken geblieben. Andere mussten mich dann von hinten rausziehen“, sagte sie an ihrem ersten Tag vor Ort.

© Tanja Kunesch
Was uns positiv aufgefallen ist, war, dass es überall Platz auf der Tribüne für Rollstuhlfahrende gab. Sogar der Pressebereich war barrierefrei und hatte eigene Plätze für Journalist:innen im Rollstuhl, wie etwa im Curling Stadion in Cortina.
Generell waren die Volunteers, wie auch Fans, sehr freundlich, und rücksichtsvoll. Aber mehr als einmal erlebten wir, dass ihnen der barrierefreie Zugang zu einer Wettkampfstätte nicht bekannt war – und sie auch keine weiteren Informationen dazu hatten. Sie mussten dann erstmal jemand anderen fragen, telefonieren, und verwiesen uns im Zweifel an die nächste Person, die wiederum keine Antwort auf unsere Fragen hatte. „Manchmal war es auch schwer, jemanden zu finden, der gut genug Englisch spricht, um zu verstehen, was ich wollte“, sagte Anna-Lena. „Das war schon nicht so cool.“
Dass diese Erfahrungen kein Einzelfall waren, sondern wohl auch strukturell begründet, erzählte uns die Volunteer Claudia Friedrich. „Es gab kein spezielles Training für die Paralympics“, sagte sie. Es habe zwar eins vorab für die Olympischen Spiele gegeben, aber keine Anpassung für die nachfolgenden Paralympischen. „Es gab kaum Infos zum Thema Barrierefreiheit, dafür viel zum Thema Arbeitsrecht. Das war schon sehr uninformativ, was die Spiele betrifft.“
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Eine Szene am Shuttlebus blieb uns besonders im Gedächtnis. Der Bus hielt, eine Rampe war ebenfalls vorhanden. So weit, so gut. Nur funktionierte der Einstieg nicht. Der Fahrer probierte es mehrfach, die Klappe öffnete sich nicht. Am Ende standen drei Männer um eine verklemmte Klappe am Boden des Busses und versuchten mit vereinten Kräften und einem Holzspalt vom Wegesrand, sie aufzuhebeln. Nach einer gefühlten Ewigkeit gab die Rampe nach, und machte den Weg frei für den Rollstuhl. Um den Bus herum hatte sich schon eine Schlange gebildet. Für die Teilhabe von Menschen mit Behinderung sind solche Szenen eher kontraproduktiv.
Unser Eindruck nach diesen Tagen: Diese Paralympics wollten zwar inklusiv und barrierefrei sein. Aber vor Ort zeigte sich, dass guter Wille allein nicht reicht. Barrierefreiheit beweist sich nicht auf dem Papier, sondern im Alltag: an der Bushaltestelle, am Hotelempfang, auf nassem Untergrund, vor dem richtigen Eingang.