Monoskifahrer Leon Gensert : Trotz Zwangspause zu den Paralympics

Die aktuelle Saison startete für den Para-Ski-Alpin-Athleten Leon Gensert unglücklich. Im ersten Training auf Schnee brach er sich bei einem Sturz das Schlüsselbein. Zehn Wochen Zwangspause – die Vorbereitung aus dem Sommer mehr oder weniger umsonst. „Das war nicht so einfach“, gibt er zu. „Eine Erleichterung war, als ich im Alltag wieder einigermaßen zurechtkam. Dann hatte ich den Gedanken, dass sowieso nichts hilft und ich in den verbleibenden Trainings und Rennen das Beste rausholen muss“.
Mit Erfolg: Gensert kämpfte sich wieder ran, erreichte beim Weltcup am Feldberg am 22. Januar mit Rang sechs seine bisher beste Weltcup-Platzierung. Der Lohn für seine harte Arbeit ist das Erreichen seines großen Ziels: die Qualifikation für die Paralympics in Italien.
Familie als X-Faktor
Groß geworden ist der 21-Jährige eigentlich auf normalen Skiern. „Meine Oma und mein Opa haben einen Skiclub mitgegründet, dementsprechend war ich häufiger Skifahren“, sagt er. Seine Familie habe für die Karriere eine prägende Rolle gespielt. „Mein Papa hat mich auf Ski gebracht. Er hatte auch sehr viel Spaß daran, dass ich das nach meiner Erkrankung wieder machen konnte“, erzählt er. „Ohne den würde ich das Ganze hier nicht machen.“
Gensert erlitt 2018 im Alter von 13 Jahren einen Rückenmarksinfarkt. Seitdem ist inkomplett querschnittsgelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen. Während seiner Reha probierte er Rollstuhl-Basketball und -Tischtennis aus. Es war aber schnell klar, dass er mit dem Para-Skisport eine neue Passion gefunden hatte. „Vier oder fünf Monate nach dem Infarkt hatte ich schon meinen ersten Monoskikurs“, sagt er.
Ich bin donnerstags mittags mit meinem Papa nach der Schule losgefahren und sonntags abends zurückgekommen
Leon Gensert, Para-Ski-Alpin-Athlet
Überrascht am Unterschied zwischen Sitz-Ski und anderen Skiern habe ihn lediglich „wie gut es direkt funktioniert hat“, erzählt er. Die Bewegung an sich sei ziemlich ähnlich. „Aber dadurch, dass du deine Beine gar nicht benutzt und das Gerät unter dir hast, was deine Bewegungen übersetzt, ist das ein ganz anderes Gefühl.“ Auch die Nähe zum Boden sei etwas gewesen, an das er sich erst gewöhnen musste. „Ich war damals noch nicht so groß, aber es ist schon etwas anderes, wenn man das Ganze im Stehen statt im Sitzen macht“, sagt er.
Mit dem Wechsel zum Para-Skisport entwickelte sich schnell der Leistungsgedanke – wenn auch eher zufällig. „Vor dem Infarkt war das reines Hobby. Ich bin da mehr oder weniger reingerutscht. Ich hätte nie gedacht, dass die Möglichkeiten darin so groß sind.“ Bei einem Nachwuchs-Sichtungslehrgang bekam er richtig Lust auf den Sport. In den darauffolgenden Wintern besuchte er immer häufiger Lehrgänge, was sich aufgrund seines Heimatorts als gar nicht so einfach herausstellte.
Ein Hesse im Schnee
Gensert stammt nämlich aus der Gemeinde Eppertshausen in der Nähe von Darmstadt. Da Südhessen bekanntermaßen keine Skiregion ist, waren die Trainingsmöglichkeiten begrenzt. Alle zwei Wochen nahm er den weiten Weg nach Österreich oder in die Schweiz auf sich. „Ich bin donnerstags mittags mit meinem Papa nach der Schule losgefahren und sonntags abends zurückgekommen“, sagt er. Später dann, als er einen Führerschein hatte, legte er die Wege zu den Lehrgängen selbst zurück.
„Ich saß sehr viel im Auto und habe versucht, so viel Training wie möglich mitzunehmen.“ Das war nicht immer möglich, manche Lehrgänge musste er aufgrund der Schule absagen. Um seine Karriere weiter voranzutreiben, zog er daher nach dem Abitur 2024 für ein Wirtschaftsrecht-Studium nach Innsbruck.
Die unmittelbare Nähe zu den Bergen habe „extrem viel erleichtert. Ich fahre mit meinen Teamkollegen im Mannschaftsbus einfach mit“, sagt er. Neben Gensert wohnen auch die Para-Ski-Alpin-Athleten Christoph Glötzner und Alexander Rauen in Innsbruck.
Den Alltag zwischen Studium und Sportkarriere balanciert Leon Gensert so gut es geht, wobei der Fokus aktuell klar auf dem Sport liegt. Mit kürzeren Lernzeiten vor Klausuren komme er zwar gut klar, das größere Problem sei aber ein anderes: „Ich kann Prüfungstermine oft gar nicht wahrnehmen, weil an dem Tag ein Rennen oder Training stattfindet. Es ist absehbar, dass ich mehr Semester machen muss“, sagt er.
Zumindest finanziell muss er sich wegen des längeren Studiums keine Sorgen machen – Leon Gensert wird durch die Sporthilfe, ein Architekturbüro und die Sparkasse unterstützt. „Dadurch kann ich mir die Saison immer ganz gut finanzieren“, sagt er.
Erfahrung als Fahnenträger
Einen kleinen Vorgeschmack darauf, wie sich italienische Winterspiele anfühlen, konnte er bereits im vergangenen Jahr bei den FISU-World-University-Games in Turin sammeln. Bei den Weltspielen der Studierenden im Januar war er sogar Fahnenträger der deutschen Delegation. „Das war schon ein sehr cooles Gefühl. Im Stadion, in das wir eingelaufen sind, war auch echt viel los“, sagt er. Am Ende durfte er sich sogar über zwei Bronzemedaillen im Super G und Riesenslalom freuen.